US-Militärstrategie im Indopazifik


Amerika sichert den Weltfrieden – mit einem perfekten Weltkriegsszenario gegen China

Wenn die amerikanische Weltmacht mit strategischem Blick auf den Globus schaut, dann identifiziert sie eine Weltgegend von herausragender Bedeutung. Da sind sich Republikaner und Demokraten absolut einig in der ansonsten tief gespaltenen Nation.

Die USA beanspruchen einen einzigartigen Status in dieser Region: Dass es diese kapitalistisch so lebendige Gegend zur ergiebigen Quelle amerikanischen Kapitalreichtums gemacht hat, schließt ein Recht auf Sicherheit in einem Ausmaß und von einer Qualität ein, für die der Verweis auf den Zweiten Weltkrieg durchaus angebracht ist. In seiner indopazifischen Heimatregion benötigt Amerika nach wie vor die Sicherheit einer weltkriegsmäßigen Siegermacht; einer Macht, die die anderen Staaten der Region als fest verbündete, verlässlich eingeordnete Mitglieder einer kapitalistischen Ordnung kennt, in der Amerika das unbestrittene Vorbild und die unangefochtene, bestimmende Vormacht ist und bleibt. Die Beteuerung, wie sehr die USA zu dieser Region gehören, steht insofern für die umgekehrte Klarstellung, wie sehr diese Region den USA gehört – als deren Besitzstand, ohne den sie die Weltmacht nicht sein können, als die allein sie sich für existenzfähig halten.

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US-Militärstrategie im Indopazifik 
Amerika sichert den Weltfrieden – mit einem perfekten Weltkriegsszenario gegen China 

Wenn die amerikanische Weltmacht mit strategischem Blick auf den Globus schaut, dann identifiziert sie eine Weltgegend von herausragender Bedeutung. Da sind sich Republikaner und Demokraten absolut einig in der ansonsten tief gespaltenen Nation. Schon die Biden-Regierung reklamierte für sich wie für ihre Vorgänger:

„Die Vereinigten Staaten sind eine indopazifische Macht. In der Region, die sich von unserer Pazifikküste bis zum Indischen Ozean erstreckt, sind mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, fast zwei Drittel der Weltwirtschaft und sieben der größten Streitkräfte der Welt beheimatet. Hier sind mehr Angehörige des US-Militärs stationiert als in jeder anderen Region außerhalb der Vereinigten Staaten. Die Region sichert mehr als drei Millionen amerikanische Arbeitsplätze und ist die Quelle von fast 900 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen in die Vereinigten Staaten... Der Handel zwischen den Vereinigten Staaten und der Region betrug im Jahr 2020 insgesamt 1 750 Milliarden Dollar. Die ausländischen Direktinvestitionen aus den Vereinigten Staaten beliefen sich im Jahr 2020 auf insgesamt 969 Milliarden US-Dollar und haben sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt... In den kommenden Jahren wird der Stellenwert der Region, die für zwei Drittel des globalen Wirtschaftswachstums ausschlaggebend ist, weiter zunehmen – und damit auch ihre Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten haben den indopazifischen Raum seit langem als lebenswichtig für unsere Sicherheit und unseren Wohlstand erkannt. Unsere Beziehungen wurden vor zwei Jahrhunderten begründet, als Amerikaner auf der Suche nach Handelsmöglichkeiten in diese Region kamen. Der Zweite Weltkrieg erinnerte die Vereinigten Staaten daran, dass ihr Land nur sicher sein kann, wenn auch Asien sicher ist. Und so festigten die USA in der Nachkriegszeit ihre Beziehungen zu dieser Region durch eiserne Bündnisverträge mit Australien, Japan, der Republik Korea, den Philippinen und Thailand und legten damit den Grundstein für die Sicherheit, die es den Demokratien in dieser Region ermöglichte zu florieren. Diese Beziehungen wurden weiter ausgebaut, als die USA die wichtigsten Organisationen der Region, insbesondere die Vereinigung südostasiatischer Staaten (ASEAN), unterstützten, enge Handels- und Investitionsbeziehungen aufbauten und sich zur Einhaltung des Völkerrechts und internationaler Normen, von den Menschenrechten bis zur Freiheit der Schifffahrt, verpflichteten. Der Lauf der Zeit hat die strategische Notwendigkeit einer dauerhaften Rolle der USA unterstrichen. Am Ende des Kalten Krieges erwogen die USA den Abzug ihrer militärischen Präsenz, lehnten diese Idee jedoch ab, da sie erkannten, dass die Region einen strategischen Wert hatte, der im 21. Jahrhundert nur noch zunehmen würde. Seitdem haben sich die Regierungen beider politischer Parteien gemeinsam für die Region engagiert. Die Regierung von George W. Bush erkannte die wachsende Bedeutung Asiens und pflegte enge Beziehungen zur Volksrepublik China, zu Japan und Indien. Die Obama-Regierung hat die amerikanische Prioritätensetzung für Asien erheblich beschleunigt und neue diplomatische, wirtschaftliche und militärische Ressourcen in diese Region investiert. Und auch die Trump-Regierung hat den Indopazifik als das Gravitationszentrum der Welt klar erkannt.“ (Indo-Pacific Strategy of the United States, The White House, Februar 2022, S. 1; im Folgenden zitiert als IPS)

Der Indopazifik: Exklusiver Besitzstand der USA ...

Was wie eine Aufzählung von Fakten daherkommt, die amerikanische Regierungen „erkannt“ haben, präsentiert der Sache nach einen Anspruch, auf dem sie mit aller Macht bestehen. Der Anspruch betrifft den einzigartigen Status Amerikas in dieser Region: Dass es diese kapitalistisch so lebendige Gegend zur ergiebigen Quelle amerikanischen Kapitalreichtums gemacht hat, schließt ein Recht auf Sicherheit in einem Ausmaß und von einer Qualität ein, für die der Verweis auf den Zweiten Weltkrieg durchaus angebracht ist. In seiner indopazifischen Heimatregion benötigt Amerika nach wie vor die Sicherheit einer weltkriegsmäßigen Siegermacht; einer Macht, die die anderen Staaten der Region als fest verbündete, verlässlich eingeordnete Mitglieder einer kapitalistischen Ordnung kennt, in der Amerika das unbestrittene Vorbild und die unangefochtene, bestimmende Vormacht ist und bleibt. Die Beteuerung, wie sehr die USA zu dieser Region gehören, steht insofern für die umgekehrte Klarstellung, wie sehr diese Region den USA gehört – als deren Besitzstand, ohne den sie die Weltmacht nicht sein können, als die allein sie sich für existenzfähig halten. Ganz in diesem Sinne verkündet der neue US-Verteidigungsminister die frohe Botschaft, dass auch die zweite Auflage der Trump-Regierung zumindest in dieser Hinsicht eindeutig in den Fußstapfen ihrer Vorgänger voranschreitet:

„Amerika ist stolz darauf, zurück im Indopazifik zu sein – und wir sind gekommen, um zu bleiben. Die Vereinigten Staaten sind eine indopazifische Nation. Das waren wir schon seit den frühesten Tagen unserer Republik. Wir werden auch in Zukunft, für kommende Generationen eine indopazifische Nation sein – mit indopazifischen Interessen.“ (US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, Rede auf der Shangri-La-Sicherheitskonferenz in Singapur, 31.5.25)

Einig und entschlossen besteht die herrschende Klasse Amerikas also darauf: Die erfolgreiche Benutzung des indopazifischen Raums für Reichtum und Macht der USA braucht die erfolgreiche Vorherrschaft über deren politische Bedingungen und Mittel; also braucht sie die Macht, die Bedingungen und Mittel zu definieren, unter denen die lokalen Herrschaften ihrerseits um Reichtum und Macht konkurrieren. Gemäß der von der amerikanischen Strategie demonstrierten Dialektik von kapitalistischer Benutzung und imperialistischer Aufsicht ist die garantierte, allseitige Anerkennung der Überlegenheit amerikanischer Gewalt die unverzichtbare Grundlage des freien und friedlichen Handels, also die unbedingt zu erreichende Zielsetzung der amerikanischen Militärstrategie.

... von China zunehmend bestritten

Der Hauptadressat dieser Strategie ist bekannt:

„Dieser verstärkte amerikanische Fokus auf den Indopazifik ist zum Teil auf die Tatsache zurückzuführen, dass dieser Raum mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert ist, insbesondere durch die VR China. Die VR bündelt ihre wirtschaftliche, diplomatische, militärische und technologische Macht, um im indopazifischen Raum eine Einflusssphäre zu schaffen und die einflussreichste Macht der Welt zu werden. Erpressungen und Aggressionen der VR erstrecken sich über den gesamten Globus, sind aber im indopazifischen Raum am stärksten. Von der wirtschaftlichen Nötigung Australiens über den Konflikt entlang der Grenzlinie mit Indien bis hin zum wachsenden Druck auf Taiwan und der Einschüchterung von Nachbarn im Ost- und Südchinesischen Meer – unsere Verbündeten und Partner in der Region tragen einen Großteil der Kosten für das schädliche Verhalten der VR. Dabei untergräbt die VR China auch die Menschenrechte und das Völkerrecht, einschließlich der Freiheit der Schifffahrt, sowie andere Prinzipien, die dem Indopazifik Stabilität und Wohlstand gebracht haben.“ (IPS, S. 5)

Was die Volksrepublik zur unerträglichen „Herausforderung“ qualifiziert, das sind Wille und Fähigkeit, ihren ökonomischen und technologischen Aufstieg in diplomatische und militärische Macht umzumünzen, die sie explizit nicht als machtvollen Beitrag zu einer federführend von den USA definierten und verteidigten Ordnung versteht und verwendet. Mit den Abhängigkeiten der Staaten in dieser Region von China, die es mit seinem boomenden Kapitalismus stiftet, und mit den Erpressungsmitteln, die es zur Formung und Kontrolle seines Umfelds akkumuliert, übt es einen „schädlichen“ Einfluss auf die pazifische Staatenwelt aus, den Amerika unmittelbar auf sich bezieht, als Anfechtung seiner Vormachtstellung in der Region:

„Die VR China ist der einzige Konkurrent, der sowohl die Absicht hat, die internationale Ordnung umzugestalten, als auch in zunehmendem Maße über die wirtschaftliche, diplomatische, militärische und technologische Macht verfügt, dies zu tun.“ (National Security Strategy, The White House, Oktober 2022, S. 23; im Folgenden zitiert als NSS)

„China strebt danach, eine Hegemonialmacht in Asien zu werden. Daran besteht kein Zweifel. Es hofft, viel zu viele Teile dieser blühenden und vitalen Region zu dominieren und zu kontrollieren. Durch seine massive militärische Aufrüstung und seine wachsende Bereitschaft, militärische Gewalt einzusetzen, um seine Ziele zu erreichen, einschließlich Grauzonentaktiken und hybrider Kriegführung, hat China gezeigt, dass es den Status quo in der Region grundlegend verändern will.“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

Der militärische Aufwuchs der Volksrepublik und die darauf beruhenden Potenzen zur Beherrschung ihrer Nachbarn sind also für die US-Führer die entscheidenden Indikatoren für einen chinesischen Angriff auf den amerikanischen Hausherren. Und das ist auch tatsächlich die imperialistische Sachlage: Der erklärte chinesische Aufstiegswille zur gleichberechtigten Weltmacht, die sich ihre Erfolgsmaßstäbe selber setzt und auf ihrer diesbezüglichen Souveränität und der Anerkennung ihrer Interessen besteht, ist nicht bereit, Amerika als überlegene Ordnungsmacht hinzunehmen, die allen anderen Ländern in der Region und insbesondere China selbst den Status von freien, friedlich untergeordneten Beteiligten an einer amerikanisch definierten und dominierten Ordnung zuweist. China insistiert seinerseits darauf, dass seine vitalen Interessen ein Recht auf Sicherheit durch Überlegenheit als Ordnungsmacht begründen. Dagegen setzen die USA die offensive Verteidigung des Status quo – ein schöner Ausdruck für erfolgreich geklärte, allseits anerkannte, weil als Sachlage hingenommene Gewaltverhältnisse. Sie bestehen darauf, dass die „internationale Ordnung“ nur eine Weltwirtschaft, also nur eine maßgebliche Aufsicht über zwischenstaatliche Abhängigkeits- und Erpressungsverhältnisse kennt und verträgt. Die USA sind der ‚Regelsetzer‘ dieser Ordnung – China ist ‚Regelnehmer‘ und muss das auch bleiben. [1] Selbstverständlich versteht sich die amerikanische Weltmacht auch noch darauf, ihre Feindschaft gegen China mit einem moralischen Zusatz zu versehen: dem Feindbild eines aggressiven, bösartigen, das Recht brechenden Rivalen mit dem Willen zur kriegerischen Eroberung Asiens.

Die Antwort der USA: Frieden durch Stärke

Der Umgang mit dem chinesischen Angriff auf Amerikas Besitzstand steht für die US-Führer fest: Sicherheit durch Abschreckung!

„Wir wollen China nicht beherrschen oder einschnüren. Wir wollen es nicht einkreisen oder provozieren. Wir streben keinen Regimewechsel an, noch werden wir etwas Böses anzetteln oder eine stolze und historische Kultur respektlos behandeln. Wir werden bereit sein, aber wir werden nicht rücksichtslos sein. Stattdessen streben wir Frieden an. Aber wir müssen sicherstellen, dass China uns – oder unsere Verbündeten und Partner – nicht dominieren kann. Die Aufrechterhaltung des Status quo erfordert Stärke. Das ist einfach vernünftig, Common Sense, womit alle leben können sollten. Präsident Trump hat auch gesagt, dass das kommunistische China in seiner Amtszeit nicht in Taiwan einmarschieren wird. Unser Ziel ist es also, einen Krieg zu verhindern, die Kosten so hoch zu machen, dass Frieden die einzige Option ist. Und wir werden dies mit einem starken Schild der Abschreckung tun, der gemeinsam mit Ihnen – Amerikas großartigen Verbündeten und Verteidigungspartnern – geschmiedet wird. Gemeinsam werden wir zeigen, was es bedeutet, Frieden durch Stärke zu schaffen. Auf viele Arten, sichtbar und unsichtbar. Offen und verdeckt... So geht Wiederherstellung von Abschreckung... Aber wenn die Abschreckung versagt und wenn mein Oberbefehlshaber uns dazu auffordert, sind wir bereit, das zu tun, was das Verteidigungsministerium am besten kann – kämpfen und siegen.“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

Das diplomatische Dementi übergriffiger Machenschaften werden die chinesischen Führer angesichts des amerikanischen Klartextes zur angesagten strategischen Konfrontation schon richtig einordnen. Sie sollen vor der amerikanischen Entschlossenheit erschrecken, den Status quo im Indopazifik mit der Politik der Abschreckung zu verteidigen. Der für die „stärksten und tödlichsten Streitkräfte der Welt“ Verantwortliche konfrontiert seine chinesischen Counterparts mit der Überlegenheit der eigenen Waffen und dem unabänderlichen Beschluss, einen Krieg überhaupt nicht zu vermeiden – vermieden werden kann der nur von China durch die Einsicht in die eigene Unterlegenheit und den Beschluss, dass „es sich nicht lohnt“. [2] Die Fähigkeit und Bereitschaft der USA, siegreich zu kämpfen – was die eigenen Streitkräfte „am besten können“ – sollen die kriegerische Bekämpfung des chinesischen Anspruchs also überflüssig machen. Mit der Politik der Abschreckung praktiziert die amerikanische Weltmacht den offensiven Standpunkt, das Kriegsergebnis – die Sicherung des Indopazifik als unangefochtenen US-Besitzstand, i.e. die dauerhafte Fixierung des chinesischen Rivalen im Status der Unterlegenheit – ohne Krieg zu erreichen. Das ist der politische Gehalt des von der Trump-Administration proklamierten „Friedens durch Stärke“.

Die Ankündigung, die Abschreckung wiederherstellen zu müssen, entbehrt einerseits nicht der Ironie, als hätte die Nation mit ihrem riesigen Rüstungshaushalt und der jeder anderen weit überlegenen Streitmacht, mit ihrer militärischen Aufrüstung, Truppenaufstellung und strategischen Planung die Abschreckung im Indopazifik fahrlässig vernachlässigt. Andererseits dokumentieren die USA damit, wie selbstbezüglich sie sich zu dem Aufstieg der chinesischen Macht stellen: Offensichtlich war die Abschreckung nicht abschreckend genug, was die Volksrepublik erst zu der ehrgeizigen Rivalität ermuntert hat, unter der Amerika jetzt leidet. Die Selbstkritik, so China überhaupt erst zum Rivalen gemacht zu haben, indiziert den überfälligen Korrekturbedarf: Die unverzeihlichen Fehler der Vorgängerregierungen muss und wird die Trump-Administration mit der Mobilisierung der unvergleichlichen Reichtums- und Machtpotenzen der USA ungeschehen machen, um China unter eine absolut glaubwürdige, abschreckende Weltkriegsdrohung zu stellen.

Die strategische Auftragslage: Die Verwandlung des Indopazifik in einen Kriegsschauplatz, der a priori den Sieg im militärischen Kräftemessen garantiert

Für die amerikanische Militärmacht folgt daraus die strategische Auftragslage, die Abschreckung des Feindes umfassend sicherzustellen und zu perfektionieren. In ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie haben sich die USA auf das Konzept der integrierten Abschreckung festgelegt und die Bereiche fixiert, die dafür in Rechnung zu stellen, durchzuplanen und zu optimieren sind:

„Unsere Verteidigungsstrategie muss die Abschreckung aufrechterhalten und stärken, wobei die VR China unsere größte Herausforderung darstellt. Unsere nationale Verteidigungsstrategie stützt sich auf die integrierte Abschreckung: die nahtlose Kombination von Fähigkeiten, um potenzielle Gegner davon zu überzeugen, dass die Kosten ihrer feindlichen Aktivitäten deren Vorteile überwiegen. Das erfordert:

— Integration über alle Bereiche hinweg, in dem Bewusstsein, dass die Strategien unserer Konkurrenten über militärische (Land, Luft, See, Cyber- und Weltraum) und nichtmilitärische (Wirtschaft, Technologie und Information) Bereiche hinweg operieren – und das müssen wir auch.

— Integration über alle Regionen hinweg, da wir wissen, dass unsere Konkurrenten expansive Ziele mit wachsenden Fähigkeiten kombinieren, um die Interessen der USA in Schlüsselregionen und im Heimatland zu bedrohen. 

— Integration über das gesamte Konfliktspektrum hinweg, um Konkurrenten daran zu hindern, den Status quo in einer Weise zu verändern, die unseren lebenswichtigen Interessen schadet, währenddessen sie sich unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konflikts bewegen.

— Integration innerhalb der US-Regierung, um die gesamte Palette der amerikanischen Vorteile zu nutzen, von der Diplomatie über die Nachrichtendienste und wirtschaftlichen Instrumente bis hin zu Entscheidungen über Sicherheit und Streitkräfteaufstellung.

— Integration mit Verbündeten und Partnern durch Investitionen in Interoperabilität und Entwicklung gemeinsamer Fähigkeiten, kooperative Einsatzplanung und koordinierte diplomatische und wirtschaftliche Ansätze.

Die integrierte Abschreckung erfordert von uns eine effektivere Koordinierung, Vernetzung und Innovation, damit jeder Konkurrent, der in einem Bereich auf einen Vorteil drängt, versteht, dass wir auch in vielen anderen Bereichen reagieren können. Dies ergänzt die traditionelle Absicherung, die durch kampferprobte konventionelle und strategische Fähigkeiten sichergestellt wird, und es ermöglicht uns, die Wahrnehmung aufseiten des Gegners hinsichtlich der Risiken und der Kosten von Maßnahmen gegen die Kerninteressen der Vereinigten Staaten jederzeit und überall zu beeinflussen.“ (NSS, S. 22)

Mit ihrer Militärdoktrin verpflichten sich die USA darauf, ihre „traditionelle“ Abschreckung mit überlegenen Streitkräften in den kriegsentscheidenden fünf Domänen dadurch zu komplettieren, dass sie alle Potenzen ihres zivilen Verkehrs als Waffen zur Schädigung des Feindes handhaben. Das nationale und internationale Geschäftsleben, Wissenschaft und Technologie, Internet und Information, die Verbündeten und Partner in allen Regionen des Globus werden „integriert“ – zwecks Konfrontation des Gegners mit einem lückenlosen Kontinuum der Gewalt. Das soll ihn noch vor jedem Krieg nichts anderes als die sichere Niederlage „wahrnehmen“ und vor dem Beschluss zum Waffengang zurückschrecken lassen.

Für die US-Militärstrategen folgt daraus die Herausforderung, Expertise für das Kriegshandwerk, Planungsenergie und die ihnen anvertraute Verfügung über die militärischen Ressourcen der Nation auf die „traditionelle Absicherung“ zu konzentrieren und den Indopazifik mit seinen Meeren, Inseln und Landmassen als Kriegsschauplatz zu präparieren – gemäß der Vorgabe, die Überlegenheit der eigenen Militärgewalt inklusive ihrer Alliierten in allen erdenklichen Szenarios und auf allen Ebenen der kriegerischen Eskalation sicherzustellen, vom konventionellen Krieg mit Marinesoldaten bis zum Einsatz nuklearer Waffen, der nicht zu einem selbstzerstörerischen Schlagabtausch geraten darf. Letzteres stellt die amerikanische Weltmacht vor eine Herausforderung ganz eigener Art.

Die strategische Hauptsache: Kriegsplanung gegen eine Atommacht

Der chinesische Rivale ist eine Atommacht im Aufwuchs, wenn auch mit Waffen in deutlich unterlegener Qualität und Quantität. Die USA sehen sich mit dem Sachverhalt konfrontiert, dass ein Krieg mit der Volksrepublik die Eskalation zum Atomkrieg einschließt – und damit eine Bedrohung und die Gefahr von Zerstörungen im Heimatland. Dem Indopazifik als Raum der kriegerischen Bekämpfung der chinesischen Militärmacht wächst damit eine Bedeutung zu, die über die Bewahrung des politischen und strategischen Status quo in der Region weit hinausreicht:

„Die wachsende Nuklearstreitmacht der Volksbefreiungsarmee (PLA) ermöglicht es ihr, im Falle eines Nuklearkonflikts mehr US-Städte, militärische Einrichtungen und Führungszentren als je zuvor anzugreifen. Während die Führung der Volksrepublik China in der Vergangenheit davon ausging, dass bereits die Fähigkeit, bei einem nuklearen Gegenschlag begrenzten Schaden anzurichten, als Abschreckung ausreicht – eine ‚garantierte Vergeltungsfähigkeit‘ –, deutet die Modernisierung der Streitkräfte darauf hin, dass sie bestrebt ist, einem Gegner in einem nuklearen Schlagabtausch weitaus größere Schäden zuzufügen und mehrere Gegenangriffe durchzuführen, unter anderem durch präzisere Formen des Einsatzes von Atomwaffen, beispielsweise mit Waffen geringerer Sprengkraft.“ (Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China, Jährlicher Bericht des US-Verteidigungsministeriums an den Kongress, 2024, S. 102)

Die USA registrieren einen Fortschritt der chinesischen Atomrüstung, in dem sie als führende Experten auf diesem Gebiet einen qualitativen Übergang in Chinas Atomkriegsstrategie erkennen. Die bleibt, wenn es so weitergeht, nicht mehr darauf beschränkt, dem Gegner mit einem atomaren Gegenschlag einen gewaltigen, aber eben begrenzten Schaden zufügen zu können; also auf eine „Vergeltungsfähigkeit“, die zwar ernst zu nehmen ist und dem Land den besonderen Status einer abschreckungsfähigen Atommacht verschafft – im Falle Chinas verbunden mit der Mitgliedschaft im exklusiven Club der anerkannten Atommächte und im UNO-Sicherheitsrat –, die Amerikas Strategen bislang aber offenbar nicht entscheidend beunruhigt hat. An den nuklearen Rüstungsfortschritten Chinas nehmen sie den Willen dieser Atommacht wahr, ihre auf einer begrenzten Anzahl von massiven Atomschlägen aufbauende Doktrin der „Minimalabschreckung“ durch die Fähigkeit zu einem Atomkrieg auf dem elaborierten Niveau von Erst- und Zweitschlag zu ersetzen, [3] mit mehreren flexiblen Antworten und eskalierendem Einsatz eines differenzierten Spektrums von Atomwaffen. Über eine solche Fähigkeit verfügen bis heute nur die amerikanische – und die ex-sowjetische russische – Atommacht, und dabei muss es auch unbedingt bleiben. [4]

Die USA sehen sich also genötigt, die Gefahr zu neutralisieren, die sie antizipieren: die Bedrohung ihrer Sicherheit nicht nur durch den „begrenzten Schaden“, den der Einsatz einzelner chinesischer ‚Massenvernichtungswaffen‘ anrichten würde, sondern durch die Fähigkeit des Feindes zu „mehreren Gegenangriffen“, auch mit speziell konstruierten Atomwaffen, auf besondere – unterstellt ist: militärisch besonders wichtige – Ziele. Was die USA sich da abverlangen, ist eine Kombination von verlässlicher Abwehr eines ganzen Schwarms atomarer Angriffswaffen mit einer zuverlässigen Prävention gegen deren Einsatz; notwendig, damit ihre Abschreckungsmacht gerade da garantiert einseitig wirksam wird, wo sie davon ausgehen müssen, dass China auf dem gehobenen Niveau eines atomkriegerischen Schlagabtauschs zu ernsthafter Gegenabschreckung fähig wird. In naher Zukunft soll eine unüberwindbare Raketenabwehr namens „Golden Dome“ die nordamerikanische Heimaterde vor der Vernichtungskraft der chinesischen Interkontinentalraketen schützen. Sie soll einen Erstschlag Chinas wie auch – im Falle eines amerikanischen Erstschlags – eine eskalierende Antwort mit einer ganzen Abfolge von Chinas Zweitschlägen wirkungslos machen; zugleich werden die eigenen Angriffswaffen in einer Weise geschärft, vermehrt und abgesichert, dass dem Feind dagegen keine Abwehrchance bleibt.

Für Amerika alles eine Geldfrage, also keine Frage:

„‚Dieser Haushalt [Haushaltsentwurf der Trump-Administration mit den größten Rüstungsausgaben aller Zeiten von einer Billion Dollar für das kommende Fiskaljahr [5]] sieht Investitionen in Höhe von 25 Milliarden Dollar in den Golden Dome for America vor, eine erste Anzahlung auf Präsident Trumps Priorität, unser Heimatland zu verteidigen‘, sagte Pete Hegseth. ‚Außerdem werden insgesamt mehr als 62 Milliarden Dollar für die Modernisierung unserer Nuklearstreitkräfte bereitgestellt, da wir mit immer größeren nuklearen Gefahren konfrontiert sind.‘ Er erklärte den Senatoren, dass die nukleare Triade das Herzstück der Abschreckung der USA sei und dass ihre Neufinanzierung neue U-Boote wie die ballistischen Raketen-U-Boote der Columbia-Klasse, neue Interkontinentalraketen als Teil des Sentinel-Programms und strategische Bomber wie den B-21 Raider umfasse. ‚Zweifellos ist unsere nukleare Triade das Fundament unserer gesamten Abschreckung, und deshalb finanziert dieser Haushalt alle drei Säulen der Triade in vollem Umfang und stellt sicher, dass wir in Zukunft über die wirkungsvollste nukleare Abschreckung verfügen, die überhaupt möglich ist‘, sagte Hegseth.“ (US-Verteidigungsminister Pete Hegseth vor dem Kongress, 11.6.25, zit. n. afnwc.af.mil)

Der Ausbau der atomaren Defensive steht ganz im Dienste der Offensive. Mit der Modernisierung seiner Abfangwaffen und der nuklearen Triade, mit der die Zerstörungskraft, Treffgenauigkeit und Unangreifbarkeit der Atomstreitkräfte zu Lande, auf See und in der Luft optimiert, also die Überlegenheit der eigenen Vernichtungsmacht gesichert wird, [6] versetzt sich Amerika in die Lage, frei(er) mit dem Atomkrieg zu kalkulieren; perspektivisch rückt sogar ein Entwaffnungsschlag gegen die chinesische Atomstreitmacht in den Bereich des Möglichen. Dabei machen die USA ihrerseits einen bemerkenswerten Fortschritt: Nicht nur für ihren „Golden Dome“, sondern auch für die präventive Ausschaltung des strategischen Arsenals der Chinesen rüsten sie sich mit wuchtigen nicht-nuklearen Präzisionswaffen aus, deren Einsatz nach der wunderbaren Logik des atomkriegerischen Schlagabtauschs nicht die Eröffnung einer nuklearen Eskalationsstufe wäre, zugleich aber – vor allem dank deren Menge und Verteilung im indopazifischen Raum – im Idealfall der Wirkung eines atomaren Entwaffnungsschlags gleichkommen soll. Die neuen „vorwärtsstationierten“ Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper mit ihren drastisch verkürzten Vorwarnzeiten können sowohl gegen Ziele der konventionellen Streitkräfte als auch zur Zerstörung der landgestützten Atomraketen und nuklearen Kommandostrukturen der Volksbefreiungsarmee eingesetzt werden: Sie „kommen in den strategischen Auswirkungen einem Nuklearschlag gleich“.

Genau so sieht die chinesische Seite das natürlich auch:

„China beklagt die US-Dominanz bei offensiven und defensiven nichtnuklearen Systemen, welche die nukleare Zweitschlagsfähigkeit untergraben würden. Tausende Tomahawks und Luft-Boden-Raketen (insbesondere JASSM-ER) der USA und ihrer Alliierten in der Region könnten aus Chinas Perspektive in einem Krisenmoment gegen eigene Abschuss- und Kontrollsysteme eingesetzt werden. Überlebende Raketen müssten dann noch die US-Raketenabwehr überwinden, die in der Region und rund um die USA selbst weiter ausgebaut werden soll. Die Sorge wird noch verstärkt durch den Ausbau militärischer Fähigkeiten in vielen chinesischen Nachbarstaaten... Immer mehr Staaten in der Region sind bemüht, Sicherheitsabkommen mit den USA zu schließen und modernste amerikanische Waffensysteme auf ihrem Territorium zu stationieren oder von den USA zu erwerben.“ (internationalepolitik.de, 24.2.25)

In Chinas „Sorgen“ und entsprechenden Rüstungsanstrengungen sehen Amerikas Strategen wiederum die Gefahr, dass der Feind entgegen seinem offiziellen Verzicht auf einen atomaren Erstschlag – „no first use policy“ – im Ernstfall zu der Entscheidung kommen könnte, seine Atomwaffen doch als Erster einzusetzen, nicht erst als Antwort auf einen atomaren Erstschlag der USA, bevor sein zur Abschreckung gedachtes Arsenal durch Amerikas „konventionelle“ Superwaffen erledigt ist:

„Trotz der Verlautbarung dieser Politik schließt die Nuklearstrategie der VR China wahrscheinlich die Erwägung eines nuklearen Erstschlags als Reaktion auf nicht-nukleare Angriffe ein, die von den Führern der Volksrepublik als Bedrohung für die Funktionsfähigkeit der Nuklearstreitkräfte oder ihrer Kommandostrukturen eingeschätzt werden oder die den strategischen Auswirkungen eines Nuklearschlags gleichkommen. Peking würde wahrscheinlich einen nuklearen Erstschlag in Betracht ziehen, wenn eine konventionelle militärische Niederlage in Taiwan das Überleben des Regimes ernsthaft gefährden würde.“ (Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China, a.a.O., S. 102)

Für die USA folgt daraus als Erstes ein entschiedenes „Weiter so!“ Und das in einem Umfang – die Hegseth-Rede vor dem Kongress spricht da für sich –, dass doch auch die Trump-Regierung sich zu einer Diplomatie veranlasst sieht, die der Form nach auf eine Verständigung zielt. Angeboten wird ein beiderseitiger Verzicht auf weitere Vermehrung von Atomwaffen – Common-Sense-Politik à la Trump:

„Auf die Frage eines Reporters zu den Beziehungen zwischen den USA und China beim Weltwirtschaftsforum am 23. Januar in Davos antwortete Trump: ‚Wir wollen sehen, ob wir eine Denuklearisierung erreichen können, und ich halte das für sehr gut möglich.‘ Er bekräftigte diese Position später am selben Tag im Weißen Haus. ‚Ich möchte sagen: Lasst uns unser Militärbudget halbieren‘, sagte Trump am 14. Februar gegenüber Reportern hinsichtlich der Aussicht auf ein trilaterales Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. ‚Es gibt keinen Grund für uns, brandneue Atomwaffen zu bauen; wir haben bereits so viele. Man könnte die Welt 50-mal, 100-mal zerstören. Und trotzdem bauen wir neue Atomwaffen, und sie bauen neue Atomwaffen.‘“ (Trump Says U.S. Is Open to Nuclear Talks, armscontrol.org)

Mit einem solchen Deal, sich gegenseitig weiteres atomares Wettrüsten zu ersparen, wäre das Kräfteverhältnis zwischen Amerikas umfassender strategischer Kriegsmacht und Chinas bislang unterentwickelter Zweitschlagskapazität, also die gewollte einseitige Abschreckung festgeschrieben. Dass die chinesische Seite darauf nicht eingeht –

„Auf einer Pressekonferenz in Peking bekräftigte der Sprecher des Außenministeriums, Guo Jiakun, die traditionelle Position Chinas, dass Russland und die Vereinigten Staaten ‚ihre Atomwaffenarsenale weiter drastisch und substanziell reduzieren und die notwendigen Voraussetzungen schaffen sollten, damit andere Atomwaffenstaaten sich dem Prozess der nuklearen Abrüstung anschließen können‘.“ (Ebd.)[7]

quittiert der US-Präsident auf seine ehrliche Art: „Sturköpfig!“ Was er gerne hätte, wäre die Anerkennung der amerikanischen Überlegenheit als Prämisse chinesischer Verteidigungspolitik – und das kommt für Peking natürlich nicht infrage. Die fortbestehende Einladung zu Rüstungskontrollverhandlungen bekräftigt aber immerhin das nachhaltige Interesse der in dieser Frage sehr erfahrenen US-Diplomatie daran, dass durch die Verständigung über die beiderseitigen Rüstungsfortschritte „Transparenz“ hergestellt wird, die VR China also auch über Amerikas unbedingte Überlegenheit und unablässig fortgeschriebene Kriegsbereitschaft im Bilde bleibt und darin nicht länger einen guten Grund für die nachholende Aufrüstung ihres Atomwaffenarsenals sieht, sondern vielmehr einsieht, dass eine offensive Antwort auf Amerikas Übermacht weder notwendig ist, um den Status der Nation zu wahren, noch für einen strategischen Statusgewinn lohnend sein könnte.

Per Saldo bleibt den USA die selbst gestellte Aufgabe, im Indopazifik nicht nur eine, sondern gleich drei Atommächte, zwei große und eine kleine, glaubwürdig abzuschrecken – ohne sich selbst von irgendetwas abschrecken zu lassen. [8]

Die Präparierung des konventionellen „war theater“ : Operationsräume, Stützpunkte und Kriegsmittel für Eskalationsdominanz in allen denkbaren Szenarios 

Die überlegene atomare Abschreckung erspart Amerika nichts, keinen einzigen Soldaten, kein Artilleriegeschütz und kein Kampfflugzeug. Im Gegenteil: Um ihren Zweck zu erfüllen, den USA die Freiheit der Kriegführung zu sichern, unterstellt und verlangt sie geradezu eine Fähigkeit zur militärischen Eskalation auf jedem Feld der konventionellen Kriegführung, die dem Gegner auf jedem Niveau der Auseinandersetzung die Aussichtslosigkeit vor Augen stellt, einen Vorteil zu erringen – vom Scharmützel um irgendein Riff im chinesischen Meer über alle Szenarios hinweg bis zum Schlagabtausch mit konventionellen Raketen von strategischer Qualität. [9] So sehr das eigene nukleare Abschreckungsarsenal jederzeit die Option bereithält, der VR China einen vernichtenden Schlag zuzufügen, so sehr bedarf es einer allseitigen konventionellen „superiority“, die unterhalb der „atomaren Schwelle“ nicht nur das Schlachtfeld beherrscht, sondern auch zentrale chinesische Machtquellen auszuschalten vermag und darüber hinaus selbst im Falle eines feindlichen Nuklearschlags als Option zur Verfügung steht, diesen mit einem massiven nicht-nuklearen Gegenschlag zu beantworten. Für die USA ist die Abschreckung des Gegners nur dann „glaubwürdig“, also überwältigend wirksam, wenn auf einer von ihnen autonom definierten Stufenleiter von Kriegsszenarios auf jeder dieser Stufen die amerikanische Überlegenheit und Kalkulationsfreiheit – in der Sprache der Strategen: ihre absolute Eskalationsdominanz – garantiert ist.

Für diesen strategischen Zweck präparieren die amerikanischen Kriegsplaner ihren geopolitischen Besitzstand – praktisch die gesamte pazifische Staatenwelt samt den riesigen Seegebieten – zu einem perfekten „war theater“. Die Zusammenfassung der beiden Meere, des Indischen und des Pazifischen Ozeans, zu dem einen „free and open indo-pacific“ ist das Konstrukt der US-Strategen und verdankt sich ihrem Standpunkt der offensiven militärischen Sicherung der beanspruchten Reichweite exklusiv amerikanischer Verfügungsgewalt. Es definiert den geografischen Raum funktional, nämlich als eigenes Aufmarschgebiet, um das „Land der Mitte“ mit materialisierten Kriegsdrohungen in Gestalt einer omnipräsenten amerikanischen Kriegsmacht zu umstellen.

Deshalb kennt die Militärstrategie den gesamten Raum des Indischen und des Pazifischen Ozeans nur als – positive oder negative – Bedingung und Objekt der erfolgreichen Kriegführung und subsumiert ihn praktisch unter dieses Urteil: Keine Tropeninsel ist für die amerikanische Militärmacht zu idyllisch, um nicht in eine Garnison für die Marines oder einen Stützpunkt für die Air Force verwandelt zu werden, kein Korallenriff zu bunt, um nicht als Hindernis für die Schiffe der Navy und ihre „Freedom of Navigation“ weggesprengt zu werden, keine Insel zu industrialisiert und zu bevölkert, um nicht als Frontstaat im Krieg mit China verplant zu werden. Die US-Militärs ordnen sämtliche Inselstaaten im größten Ozean der Welt verschiedenen Inselketten zu, die qualitativ allein durch ihre Entfernung zu China und ihre militärische Funktion in dem antizipierten Kriegsszenario definiert sind. Im Wesentlichen kennt die amerikanische Strategie drei Inselketten. [10]

Die erste Inselkette trennt das süd- und ostchinesische Meer perfekt vom weiteren Westpazifik ab. Die Beherrschung der Meerengen durch die amerikanische Seemacht und ihre Bündnispartner ist nahtlos, ebenso ihre Kontrolle über die Inseln, die mit den USA alliierte oder neutrale Staaten (Malaysia und Indonesien) sind; China hat hier keinen einzigen Stützpunkt oder Verbündeten. Die Marine der Volksbefreiungsarmee und die sie unterstützenden Luftstreitkräfte im Konflikt- und Kriegsfall im Chinesischen Meer einzusperren – und zu vernichten, ist das erste strategische Ziel. Zugleich wird den im offenen Pazifik operierenden Marine- und Luftwaffeneinheiten Chinas die Rückkehr in ihre Heimathäfen versperrt; sie werden von der Unterstützung und Versorgung abgeschnitten und in ihrer Operationsfähigkeit beschränkt. Die Blockade ist besonders wirkungsvoll, da die ersten beiden von heute drei chinesischen Flugzeugträgern Dieselantrieb haben und ohne Treibstoffversorgung schnell an ihre Operationsgrenze kommen. Das küstennahe Taiwan riegelt noch zusätzlich den innerchinesischen Schiffstransport ab, die Kontrolle der Meerengen blockiert Chinas Transport- und Versorgungsrouten und kann den chinesischen Atomunterseebooten, die ein wesentlicher Bestandteil der Zweitschlags-Kapazität sind, auf dem Weg in die Tiefen des Pazifik größte Probleme bereiten. Den großen strategischen Vorteil, den die USA mit der Kontrolle der ersten Inselkette besitzen, haben Vertreter der Navy schon vor mehr als einem Jahrzehnt mit der ihnen eigenen Arroganz genüsslich ausgemalt:

„Wollen Sie China ein Magengeschwür verpassen, eine quälende Wunde, die Peking dazu zwingt, sich eine Aggression zweimal zu überlegen? Dann schauen Sie sich die Karte an. Die Geografie bietet der Allianz zwischen den USA und Japan reichlich Möglichkeiten, der Volksbefreiungsarmee (PLA) Schwierigkeiten zu bereiten, indem sie Chinas Militär den Zugang zum riesigen Manövrierraum im westlichen Pazifik verwehrt und gleichzeitig seine Bewegungen entlang der asiatischen Küste behindert. Die verstärkte Sicherung der vorgelagerten Inselkette bei gleichzeitigem Einsatz von Marineeinheiten in den angrenzenden Gewässern kann mit geringen Kosten große strategische Vorteile bringen. Das ist eigentlich selbstverständlich. Die einzige Frage ist, wie... Die Inselkette, die durch die Besatzung der Inseln abgeriegelt wird, würde eine gewaltige Barriere für den Zugang zu oder den Ausgang aus den chinesischen Meeren darstellen. Dies ist eine ideale Gelegenheit, um Unheil auf Kosten der Marine der Volksbefreiungsarmee zu stiften. Militäreinheiten, die auf den Inseln und in den Meerengen der ersten Inselkette stationiert sind, könnten Peking einen schlechten Tag bereiten, sollte es zu einer Eskalation im Zusammenhang mit den Senkaku-Inseln, Taiwan oder anderen geopolitischen Kontroversen kommen.“ (US Naval Institute, Defend the First Island Chain, usni.org, April 2014)

Die zweite Inselkette mit dem amerikanischen Hauptstützpunkt Guam dient dem rückwärtigen Schutz der Inseln der ersten Kette, die mit ihren Marine-, Luftwaffen- und Raketenbasen die Hauptkampflinie bilden. Der Nachschub wird von Osten (Hawaii, amerikanische Westküste) und Süden (Australien) gesichert. Die dafür nötige Operationsfreiheit und Transportsicherheit im gesamten Westpazifik stiftet die dritte Inselkette im großen Dreieck Hawaii-Japan-Australien. Es versteht sich von selbst, dass die Funktionalität der Inselketten die amerikanische Suprematie über die gesamte pazifische Kleinstaaten-Inselwelt erfordert, die China keinerlei politischen Einfluss und erst recht keine Stützpunkte gewähren darf.

Mit dem System der Inselketten zwingen die USA die Volksbefreiungsarmee gleich von Beginn einer kriegerischen Auseinandersetzung an in die Defensive. Amerika bekämpft die aufstrebende Militärmacht, die mit ihrer Strategie des „Area Access / Area Denial“ (A2/AD)[11] ihrerseits um die Beherrschung ihrer küstennahen Meere kämpft, vom Standpunkt seines Besitzstands aus, der fest verankerten militärischen Vorherrschaft über den Pazifik, der an China grenzt. [12] Die amerikanische Weltmacht verteidigt so ganz weit vorne – „forward posture“ heißt das im Jargon der Strategen – ihren Status und baut ihn aus, während China sich gezwungen sieht, aus der Position einer eingeschnürten Macht heraus sein Interesse an der Veränderung der militärischen Kräfteverhältnisse vor Ort offensiv durchzusetzen. Das macht China zum „Aggressor“ – nicht nur im ideologischen Sinn, sondern auch im Sinne eines wirklichen militärischen Nachteils gegenüber dem realen Herren über Land und See und Luft.

Der Indopazifik ist vor allem ein riesiger Meeresraum. Entsprechend kommt der Seekriegführung eine herausragende, doppelte Rolle für Sieg und Niederlage auf dem designierten „Kriegsschauplatz“ zu. Defensiv hat die Navy die Aufgabe, die Meeresregionen gegen das Vordringen und Ausbruchsversuche sowie die Inselketten gegen Besetzungsversuche der chinesischen Marine zu sichern. Offensiv soll sie mit ihren Raketenkreuzern und Flugzeugträgern das chinesische Festland mit seinem strategischen Inventar angreifen. Letzteres ist auch Aufgabe der Air Force: von den Insel-Stützpunkten aus mit ihrer erdrückenden Zahl an Kampfflugzeugen, Fernbombern, Kurz- und Mittelstreckenraketen und Cruise Missiles die chinesische Marine zu bekämpfen und Ziele in China selbst zu zerstören.

Die USA sehen sich durch die Marinerüstung der Volksrepublik herausgefordert, ihre seit dem 2. Weltkrieg unbestrittene Herrschaft über die Meere zu verteidigen: durch eine Umstrukturierung ihrer globalen Seestreitkräfte, deren Konzentration auf den Indopazifik sowie eine forcierte Aufrüstung, die den Vorsprung der US-Navy sichert und ausbaut. Besonderes Augenmerk legen die US-Militärplaner dabei auf „Beweglichkeit“, d.h. die flexible Dislozierbarkeit aller möglichen Offensiv- und Defensiv-, Aufklärungs- und Landungs-, Begleit- und Patrouillenmissionen; auf Geschwindigkeit und Feuerkraft für den Krieg im Verbund und unter Nutzung sämtlicher High-Tech-Komponenten, die für die heutige Kriegführung unverzichtbar sind; insbesondere auch auf eine Erweiterung der Flotte um unbemannte „Vehikel“, die auf wie unter der Wasseroberfläche eingesetzt werden können. Hauptkomponente zur Projektion überlegener maritimer Macht sind nach wie vor die Flugzeugträger-Kampfgruppen, von denen immer mindestens zwei, bei Bedarf fünf oder sechs im Indopazifik stationiert sind, mit ihren jeweils rund 30 Begleitschiffen, vom Raketenkreuzer über Zerstörer, Fregatten und Minenleger bis zu konventionell und nuklear angetriebenen U-Booten.

Letzteren kommt eine besondere Rolle für die maritime Einschnürung und Bedrohung Chinas zu. Die Atom-U-Boote mit nuklearer Bewaffnung (Ship Submersible Ballistic Nuclear – SSBN) sind als strategischer Bestandteil der nuklearen Triade das überlebensfähigste System für den atomaren Erst- und Zweitschlag. Die USA mobilisieren ihren militärisch-industriellen Komplex für die Modernisierung ihrer strategischen U-Boot-Flotte, um in den kommenden Jahren die aktive Ohio-Klasse durch die neue, wesentlich schwerer aufzuspürende und zu verfolgende Columbia-Generation (geplant 2031) zu ersetzen. Eine Kombination aus nuklear angetriebenen U-Booten und konventioneller Bewaffnung sind die SSN (Ship Submersible Nuclear), sogenannte Attack-U-Boote. Mit ihren Taucheigenschaften, der praktischen Unmöglichkeit für den Feind, sie zu entdecken und zu bekämpfen, und mit ihrer Bewaffnung (gegen gegnerische Atomraketen-U-Boote, Flugzeugträger und andere Großkampfschiffe sowie gegen Landziele bis tief im Hinterland: Reichweite ihrer Tomahawk-Cruise-Missiles 2 500 km) erzielen sie strategische Wirkung. Insbesondere vermögen die SSN der US-Navy die chinesischen Atomraketen-U-Boote und damit Chinas Fähigkeit zum nuklearen Zweitschlag zu attackieren. Diese Zerstörungspotenz macht die Attack-U-Boote zu einem wesentlichen strategischen Asset der USA. [13] Denn mit 57 Booten dieser Waffengattung (gegenüber 9 chinesischen), der überlegenen Technologie, Reichweite und Bewaffnung (pro Boot ca. 90 Tomahawk-Cruise-Missiles) bilden sie einen Schwerpunkt der strategischen Bedrohung Chinas. Zusammen mit den 14 U-Booten, die ballistische Raketen transportieren (pro Boot 20 Raketen mit jeweils 4–5 Atomsprengköpfen) und in ihrer Mehrzahl im Indopazifik operieren, verfügen die Amerikaner über ein nukleares Zerstörungs- und Abschreckungspotential, bei dem sie sich einen Rüstungsvorsprung von 20 Jahren zuschreiben. [14]

Den erklärten Willen und die zunehmenden Fähigkeiten der Volksbefreiungsarmee zum Angriff auf die bestehenden Kräfteverhältnisse im Indopazifik beantworten die USA mit einem Aufrüstungs- und Modernisierungsprogramm in allen Abteilungen der modernen Kriegführung für alle denkbaren Szenarios. Das ist eine Aufgabe mit offenem Ende. Denn die USA messen die Qualität wie die Quantität ihrer Waffen nur an ihrem maßlosen Bedarf. Der bestimmt sich aus nichts anderem als dem unbedingten Willen der amerikanischen Weltmacht, dem Rivalen jetzt und in Zukunft keine Chance zu lassen, wie sehr auch immer er aufrüsten mag.

Einen in Zukunft immer gewichtigeren Beitrag zur Überlegenheit von Navy, Air Force und Army auf dem Kriegsschauplatz schreiben die US-Militärplaner der Weltraumaufklärung und der Verarbeitung von Informationen durch Künstliche Intelligenz zu. Beides besitzt höchste Priorität auf ihrer To-do-Liste:

„Um eine glaubwürdige Abschreckung aufrechtzuerhalten und, wenn nötig, in Konflikten die Oberhand zu behalten, benötigt USINDOPACOM nachhaltige Investitionen in die nachfolgend beschriebenen Fähigkeiten... Die moderne Kriegführung erfordert überlegene Informationssysteme, die in stark umkämpften Umgebungen effektiv funktionieren, um einen Entscheidungsvorteil zu erlangen. Fortschrittliche KI- und maschinelle Lernsysteme spielen dabei eine entscheidende Rolle. Diese KI-Systeme verbessern bereits die Genauigkeit und Geschwindigkeit, sodass sich unser Personal auf komplexe Entscheidungen konzentrieren kann, die menschliches Urteilsvermögen erfordern. Innerhalb des Hauptquartiers reduzieren KI-gestützte Werkzeuge die für die Missionsplanung erforderliche Zeit von Tagen auf Stunden... Die Überlegenheit im Weltraum ist für unsere Operationen in allen Bereichen von entscheidender Bedeutung. Die Gegner der USA entwickeln rasch ausgeklügelte Fähigkeiten für den Krieg im Weltraum, darunter direkt aufsteigende Antisatellitenwaffen, Bedrohungen aus demselben Umlaufbahnbereich und fortschrittliche Störsysteme. Um unseren Wettbewerbsvorteil zu erhalten, benötigen USINDOPACOM und USSPACECOM widerstandsfähige weltraumgestützte Systeme, die in umkämpften Bereichen ohne Leistungseinbußen funktionieren. Dazu gehören verbesserte Systeme zur Weltraumüberwachung, glaubwürdige defensive Weltraumabwehrsysteme und schnell einsetzbare Satellitenkonstellationen, die Redundanz bieten und die Zielerfassung durch den Gegner erschweren. Die US-Weltraumarchitektur muss vermehrt kleinere, verteilte Systeme bereitstellen, die Redundanz bieten und es dem Gegner erschweren, sie zu zerstören.“ (Admiral Samuel J. Paparo, Commander, U.S. Indo-Pacific Command, U.S. Indo-Pacific Command Posture, armedservices.house.gov, April 2025)

Die militärische Hoheit über das Weltall sichern sich die USA durch die Fähigkeit, die Satelliten des Feindes auszuschalten und die eigenen Satelliten vor ihrer Zerstörung zu schützen; und durch eine Redundanz ihrer Systeme, die gar nicht groß genug sein kann. Das Kriegsglück soll garantiert keine Rolle mehr spielen, ein Überraschungsangriff des Feindes wie der auf Pearl Harbor im letzten pazifischen Weltkrieg definitiv ausgeschlossen sein. Mit der Fähigkeit zu lückenloser Aufklärung und zur Ausschaltung derselben beim Feind, außerdem mit der schnellstmöglichen KI-basierten Verarbeitung der „intelligence“ verschaffen sich die USA das „cutting edge“ beim Kommando auf dem und bei der Kontrolle über den Kriegsschauplatz.

Die Prioritäten des Pentagon für die nächsten Jahre definiert der US-Verteidigungsminister programmatisch:

„Wir stellen die Abschreckung hier im indopazifischen Raum auf drei Weisen wieder her: Erstens durch die Stärkung unserer Vorwärtspräsenz (forward force posture), zweitens durch die Unterstützung unserer Verbündeten und Partner beim Ausbau ihrer Verteidigungsfähigkeiten und drittens durch den Wiederaufbau der industriellen Grundlage für die Verteidigung.

Also erstens: Das Verteidigungsministerium räumt vorwärtsstationierten, kampffähigen Streitkräften im westlichen Pazifik Vorrang ein, um den Gegner entlang der ersten und zweiten Inselkette durch Denial-Maßnahmen abzuschrecken. Bei meiner ersten Reise in den indopazifischen Raum im März reiste ich auf die Philippinen... Zweitens: Wir leiteten den ersten Auslandseinsatz von NMESIS, einem mobilen Schiffsabwehrraketensystem des US-Marinekorps, auf den Philippinen ein. Das 3. Marine-Küstenregiment, eine der fähigsten und tödlichsten Formationen des US-Militärs, führte gemeinsam mit unseren philippinischen Verbündeten Übungen mit NMESIS durch. Gemeinsam stationierten wir das System auf den Batanes-Inseln in der Luzon-Straße zwischen den Philippinen und Taiwan... Diesen Sommer plant die US-Armee, ihren ersten Live-Feuertest ihres ‚Mid-Range Capability system‘ in Australien durchzuführen. Dies wird das erste Mal sein, dass dieses System westlich der Datumsgrenze abgefeuert wird, das erste Mal, dass es auf fremdem Boden getestet wird... Und drittens revitalisieren wir unsere Verteidigungsindustrie und lenken Ressourcen in Richtung der tödlichsten und effektivsten Kampffähigkeiten um. Wir tun dies, weil der Erfolg unserer Soldaten dies erfordert. Es ist eine Sache, wenn ein Gegner sieht, wie multinationale Streitkräfte gemeinsam Übungen durchführen. Es ist jedoch etwas ganz anderes, wenn dasselbe Land sieht, dass eine integrierte Verteidigungsindustrie diese Streitkräfte unterstützt und bereitsteht, um sie im Kampf zu halten... Wir werden auch die erstklassigen Werftkapazitäten unserer Verbündeten für die Schiffsreparatur nutzen, um die operative Effektivität der US-Marine zu verbessern... Innerhalb der Quad leiten wir auch eine Initiative namens Indo-Pacific Logistics Network, die es den Quad-Partnern [Australien, Indien, Japan, USA] ermöglicht, gemeinsame Logistikkapazitäten im Indopazifik zu nutzen. Wie man so schön sagt: Anfänger reden über Strategie, Profis über Logistik... Wir vertiefen unsere Zusammenarbeit zielstrebig mit dem australischen Guided Weapons and Explosive Ordnance Programm. Diese Arbeit sichert unseren technologischen Vorsprung und macht unsere Munitions-Lieferketten resilient.“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

„Forward posture“, Militärallianzen, Streitkräfte-Interoperabilität, Resilienz im Kriegsfall durch perfekte Lieferketten und Reparaturkapazitäten vor Ort – allesamt funktionale Bestandteile zur Herstellung eines einseitigen Kriegsszenarios, das die Abschreckung „wiederherstellt“, weil es die Dominanz auf jeder Stufe der militärischen Eskalation garantiert.

Bündnispartner und Verteidigungsnetzwerke: Amerikas „größter asymmetrischer Vorteil“

Bei der Präparierung des indopazifischen Kriegsschauplatzes, der Umzingelung Chinas mit einem erdrückenden Arsenal von Waffen und Soldaten nutzen die USA ihren einzigartigen Status in der Region. Die Staatenwelt, die das „Land der Mitte“ vom Meer her umschließt, ist voll und ganz, sicherheitspolitisch und militärisch, als Amerikas Besitzstand in Beschlag genommen. Und eben nicht nur in dem Sinn, dass die pazifische Siegermacht des Zweiten Weltkriegs über 60 bedeutende Militärstützpunkte in diesen Staaten besitzt. [15] Sie hat sich die Staaten des Indopazifik – von groß und mächtig wie Japan und Australien bis klein und trotzdem wichtig wie die Marshall-Inseln oder die Föderierten Staaten von Mikronesien – als ihre militärischen Bündnispartner exklusiv zugeordnet. Amerika ist eben kein „einsamer Hegemon“, wie China es gern sehen würde, sondern eine pazifische Macht mit einer Phalanx von Alliierten, die seine Macht potenzieren.

„Im Einklang mit unserem umfassenden strategischen Ansatz werden wir uns auf unsere größte asymmetrische Stärke konzentrieren: unser Netzwerk aus Sicherheitsbündnissen und Partnerschaften. In der gesamten Region werden die Vereinigten Staaten mit Verbündeten und Partnern zusammenarbeiten, um unsere Interoperabilität zu vertiefen und fortschrittliche Kampffähigkeiten zu entwickeln und einzusetzen, während wir sie gleichzeitig bei der Verteidigung ihrer Bürger und ihrer souveränen Interessen unterstützen.“ (IPS, S. 12)

Mit diesem Bündnissystem ist die sicherheitspolitische Identität all dieser Mächte festgelegt. Noch vor jedem aktuellen Konflikt mit China steht fest, auf welcher Seite sie stehen. Die Sicherheits- und Verteidigungsverträge der USA mit ihren Partnern verpflichten zu wechselseitigem Beistand im Konflikt- und Kriegsfall. Wann der eintritt, darüber behält sich selbstverständlich die amerikanische Weltmacht das letzte Wort vor. Die Alliierten haben sich auf den strategischen Dienst verpflichtet, funktionale Bestandteile der militärischen Einkreisung und Abschreckung Chinas zu sein. Diese Subsumtion verteidigen die USA mit ihrem Versprechen, für die Sicherheit ihrer indopazifischen Bündnispartner zu garantieren. Der Schutz von deren Souveränität und Freiheit fällt zusammen mit der Verteidigung der amerikanischen Hoheit über den Indopazifik – und vice versa.

Weil es darum geht, hält der US-Verteidigungsminister mit seiner Unzufriedenheit über den Umgang nicht zurück, den etliche seiner indopazifischen Alliierten mit der chinesischen Gefahr praktizieren.

„Angesichts dieser Bedrohungen wissen wir, dass viele Länder versucht sind, sowohl eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China als auch eine Verteidigungszusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten anzustreben. Für viele ist dies eine geografische Notwendigkeit. Aber hüten Sie sich vor dem Druckmittel, das die KPCh mit dieser Verflechtung anstrebt. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von China vertieft nur ihren bösartigen Einfluss und erschwert unseren Entscheidungsspielraum in Verteidigungsfragen in Zeiten von Spannungen.“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

Die US-Regierung weiß natürlich um die eigenen, teilweise entgegengesetzten nationalen Berechnungen ihrer Bündnispartner mit der chinesischen Wirtschaftsmacht. Politische Streitigkeiten mit China halten sie nicht davon ab, mit Handel, Kapitalimport und -export vom boomenden chinesischen Kapitalismus zu profitieren. Dass immer mehr Geschäftsbeziehungen zum beiderseitigen Vorteil zugleich immer mehr Abhängigkeiten stiften, die von China als Instrumente der politischen Erpressung gehandhabt werden, ist das Ärgernis, das die USA nicht länger dulden können und wollen. Vom Standpunkt einer absolut verlässlichen Frontbildung unter amerikanischer Führung sind die Wirtschaftsbeziehungen der Bündnispartner mit dem chinesischen Rivalen nichts als gefährlich. Die Eindämmung und Abschreckung der Volksrepublik verlangen, dass die Alliierten sich ausnahmslos und unbedingt diesem strategischen Zweck verschreiben, also ihrerseits die ökonomischen Beziehungen als Hebel zur Schädigung Chinas zum Einsatz bringen. Den Reichtum ihrer Nationen sollen sie ganz in den Dienst der gemeinsamen Aufrüstung stellen.

„Während wir unseren Fokus auf diese Region verlagern und Europa mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernimmt, zählen Präsident Trump und ich auf Sie, die Anwesenden in diesem Raum – unsere Verbündeten und Partner –, darauf, dass Sie gemeinsam mit den Vereinigten Staaten als kraftvolle Multiplikatoren für den Frieden wirken. Wir bitten – nein, wir bestehen darauf –, dass unsere Verbündeten und Partner ihren Teil zur Verteidigung beitragen. Manchmal bedeutet das, unangenehme und schwierige Gespräche zu führen. Partner sind es einander schuldig, ehrlich und realistisch zu sein... Aber Sie werden auch sehen, dass wir unseren Verbündeten und Partnern gegenüber loyal sind und bleiben. Die militärischen Beziehungen zwischen vielen unserer Länder reichen Jahrzehnte, in einigen Fällen sogar Jahrhunderte zurück. Tatsächlich ist der einzige Weg, um dauerhafte Allianzen und Partnerschaften zu gewährleisten, dafür zu sorgen, dass jede Seite ihren Teil beiträgt und den Vorteil erkennt... Ich fordere alle unsere Verbündeten und Partner auf, diesen Augenblick gemeinsam mit uns zu nutzen. Unsere Verteidigungsausgaben müssen die Gefahren und Bedrohungen widerspiegeln, denen wir heute ausgesetzt sind. Denn Abschreckung ist nicht billig, fragen Sie einfach die amerikanischen Steuerzahler.“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

Ab sofort gilt die von der Trump-Regierung definierte Agenda: Alle müssen ihren gerechten Beitrag zur „Wiederherstellung der Abschreckung“ in ihrer Region leisten. Selbstverständlich geschieht die amerikanische Verpflichtung, die nationalen Haushalte für immer mehr militärisches Zerstörungsgerät zu strapazieren, im wohlverstandenen Interesse der Partner. Das ist angesichts der bedrohlichen Lage nur „realistisch“, eben „Common Sense“!

Solche und solche Bündnispartner

Auch wenn alle gleichermaßen aufrüsten müssen – die Leistungen, welche die USA von ihren jeweiligen Verbündeten einfordern, und die Rollen, die sie auf dem indopazifischen Kriegsschauplatz für sie vorsehen, sind durchaus verschieden.

Taiwan: Streitobjekt, Kriegsanlass, Kriegsschauplatz

Taiwan – Insel mit einem blühenden Kapitalismus, einem Volk von rund 24 Millionen Menschen und zentraler geostrategischer Lage vor Festlandchina, als unabhängiger, souveräner Staat nur von einer Handvoll unbedeutender Nationen völkerrechtlich anerkannt – ist das Objekt unvereinbarer imperialistischer Ansprüche der beiden Protagonisten. Die Volksrepublik will die Inselrepublik mit sich vereinen, beruft sich dazu auf ihr historisch verbürgtes Recht und das auch von den USA vertraglich zugestandene „Ein-China-Prinzip“. Sie erklärt ihren unerschütterlichen Willen zur „Wiedervereinigung“ – friedlich, wenn möglich, mit Gewalt, wenn nötig – sowie ihren festen Entschluss, die Lösung der alles entscheidenden nationalen Frage nicht länger zu vertagen. Denn an der strategischen Inbesitznahme der Inselrepublik entscheidet sich für sie der Aufstieg zu einer Macht auf Augenhöhe mit Amerika. Die USA haben seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs die Existenz und faktische Unabhängigkeit der Inselrepublik politisch und militärisch garantiert, mit Kredit und Waffen, vor allem aber mit dem machtvollen Vorbehalt, der Volksrepublik das Recht auf Wiedervereinigung zwar formell zuzugestehen, aber mit der entscheidenden Kondition „friedlich“ faktisch zu bestreiten. [16] Für die Weltmacht entscheidet sich an Taiwan die Geltung des von ihr verfügten Gewaltverbots, nämlich ob sich China durch die mobilisierte Abschreckungsmacht auch in Zukunft noch zum Respekt vor dem amerikanischen Machtwort zwingen lässt – oder die kriegerische Eroberung der Inselrepublik beschließt, mit der es zunehmend heftiger droht.

Mit der Eskalation ihrer unvereinbaren Rechtsansprüche zum Krieg rechnen beide Seiten. Die USA sind darauf vorbereitet:

„Es muss allen klar sein, dass sich Peking ernsthaft vorbereitet, möglicherweise militärische Gewalt einzusetzen, um die Kräfteverhältnisse im indopazifischen Raum zu verändern. Wir wissen das. Es ist öffentlich bekannt, dass Xi seinem Militär befohlen hat, bis 2027 in der Lage zu sein, Taiwan zu erobern. Die Volksbefreiungsarmee baut die dafür erforderlichen Streitkräfte auf... Um es noch einmal klar zu sagen: Jeder Versuch der kommunistischen Volksrepublik China, Taiwan mit Gewalt zu erobern, hätte verheerende Folgen...“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

Dafür, dass die Folgen für China auf dem Kriegsschauplatz verheerend sind, muss in erster Instanz Taiwan selbst sorgen. Seine Armee ist von der amerikanischen Schutzmacht ausgerüstet, trainiert und instruiert worden für die Aufgabe, eine Invasion zum Scheitern zu bringen. Die Inselrepublik soll für Festlandchina so unverdaulich wie ein Stachelschwein sein – ein schönes Bild der Strategen für die Beschreibung der (selbst)zerstörerischen Leistung, die sie von ihrem Schutzobjekt erwarten.

„US-Militärstrategen empfehlen der taiwanesischen Armee schon seit Jahren, auf die ‚Stachelschweinstrategie‘ zu setzen: einigeln und Vorbereitungen auf einen langen Abwehrkampf treffen... Sollte es zu einem Angriff kommen, müsse der Kampf lange dauern, um die Chance einer US-Intervention zu erhöhen.“ (William J. Murray, US Naval War College, 2008; zit. n. ORF, 18.6.22)

Selbstverständlich braucht es auch für einen Abwehrkrieg noch viel mehr Waffen. [17] Liefern tun die USA, bezahlen muss Taiwan, sein Kapitalismus produziert schließlich Reichtum im Übermaß, an dem sich Amerika gerechterweise auch noch mit Zöllen auf taiwanesische Warenexporte bedienen kann. Aber nicht nur militärische Hardware, auch menschliches Kanonenfutter kann es für die projektierte lange Abnutzungsschlacht gar nicht genug geben. Auf Drängen der USA hat sich Taiwan bereit erklärt, die schon jetzt große Zahl seiner Reservisten weiter zu erhöhen. [18]

Der US-Verteidigungsminister wie seine Strategen sind Realisten. Ohne militärischen Beistand der amerikanischen Militärmacht wird die Inselrepublik den Abwehrkampf gegen die übermächtige Volksbefreiungsarmee kaum gewinnen können. Ohne expressis verbis die von allen bisherigen Administrationen praktizierte „Ambiguität“ im Falle einer chinesischen Invasion aus dem Verkehr zu ziehen, mit der sich die Weltmacht die Freiheit ihrer Entscheidung zum Krieg reserviert, legt sich die Trump-Regierung schon jetzt auf eine Mobilisierung ihrer im Indopazifik stationierten Kriegspotenzen zur Unterstützung der Verteidigung Taiwans fest –

„Die neuen Pentagon-Richtlinien für eine ‚Verteidigungsstrategie der Verweigerung‘ [denial defense] von Taiwan sehen eine Verstärkung der US-Truppenpräsenz durch U-Boote, Bomber, unbemannte Schiffe und Spezialeinheiten der Armee und des Marine Corps sowie einen stärkeren Fokus auf Bomben vor, die gehärtete und unterirdische Ziele zerstören können. Der Plan sieht außerdem eine Verbesserung der Verteidigung der US-Truppenstandorte im indopazifischen Raum, die Bildung von Vorräten und eine Verbesserung der Logistik vor.“ (Secret Memo on China, The Washington Post, 29.3.25)

und sendet eine Anfrage an die beiden großen Bündnispartner Australien und Japan, wer von ihnen im Fall eines Krieges zur Verteidigung von Taiwan bereit sei. [19] Begeistert sollen sie darüber nicht sein. Absagen sind gleichwohl nicht bekannt geworden.

Japan: mächtiger Baustein in der Abschreckungsfront

Aufgrund seiner geostrategischen Lage, der Macht seines Kapitalismus und der Schlagkraft seiner „Selbstverteidigungsstreitkräfte“ ist Japan eine der potentesten Militärmächte der Region und der Welt. Ungeachtet der pazifistischen Nachkriegsverfassung, der die Armee ihren Namen verdankt, sind ihr militärischer Auftrag und ihr Operationsgebiet von Beginn an viel weiter gefasst als im Sinne der Verhinderung einer Invasion. Demgemäß ist Japan der wichtigste Bündnispartner Amerikas im Indopazifik. Als nördlicher Eckpunkt aller drei Inselketten schließt es das ostchinesische Meer inklusive der japanischen See von Nord nach Süd ab. Japan kontrolliert durch seine Inselkette (Tokara, Okinawa, Miyako, Yaeyama) die entscheidenden Meerespassagen, über die die chinesische Marine vom Ostchinesischen Meer in den offenen Pazifik ausbrechen kann. Besonders die Miyako-Straße gilt als das „Tor“ für Chinas Marinebewegungen in den Pazifik. Zudem sichert Japan – in Militärkooperation mit den Philippinen und Australien – Taiwan und die Straße von Luzon gegen China. [20] Zugleich wird angesichts der immer engeren militärischen Kooperation zwischen China und Russland die Abwehr bzw. Behinderung des Vordringens der russischen Marine nach Süden in das Japanische und Ostchinesische Meer zur wichtigen Aufgabe der japanischen Seestreitkräfte. Im Schnittpunkt dreier feindlicher Atommächte gelegen hat Japan die strategische Aufgabe, gemeinsam mit den USA die Raketen und Raketenbasen von Russland, Nordkorea und China aufzuklären und offensiv wie defensiv zu bekämpfen. [21] Die japanische Marine und Luftwaffe sind an der Verteidigung Südkoreas gegen Nordkorea beteiligt. Mit seiner Marine von rund 160 Schiffen und einer Luftwaffe von über 300 Kampfflugzeugen trägt Japan maßgeblich zu dem „gewaltigen asymmetrischen Vorteil“ der USA in ihrem Containment Chinas bei. [22]

Die Modernisierung des amerikanisch-japanischen Verteidigungsabkommens von 2022 ist die „Zeitenwende“ auf japanisch. Sie beinhaltet eine drastische Aufrüstung mit neuen Raketen und Cruise Missiles großer Reichweiten (Tomahawks mit bis zu 2 500 km; Eigenentwicklung einer Rakete mit mindestens 1 000 km). Japan nimmt sich vor, China bis tief ins Hinterland hinein massiv zu bedrohen. [23] Umgekehrt bekommt Japan amerikanische Raketenabwehrsysteme, um die Bedrohung durch Chinas Raketen zu neutralisieren. Und Amerika verstärkt den atomaren Schutzschirm über Japan: die Stationierung von atomar bestückbaren B-52-Bombern in Japan erweitert die Abschreckung (extended deterrence).

Die US-japanische Allianz ist in gemeinsamen Kommando- und Kontrollstrukturen institutionalisiert. [24] Die neuen „Joint Force Headquarters“ des amerikanischen Indopazifik-Kommandos auf dem Luftwaffenstützpunkt Yokota markieren die intensivste Form der Zuordnung der „Selbstverteidigungsstreitkräfte“ zum US-Aufmarsch gegen China und bieten Japan zugleich die Teilhabe an der amerikanischen Weltmacht, mithin einen Status als nach und mit den USA maßgebliche Militärmacht im Indopazifik.

Südkorea: Flankensicherung gegen den Hauptfeind durch Abschreckung Nordkoreas

Das Land, dessen Armee zu den zehn größten der Welt gehört, ist hauptsächlich für die Abschreckung und – im Kriegsfall – Niederkämpfung Nordkoreas eingeplant. Insofern erfüllt es für die Anti-China-Front die strategisch relevante Funktion der Flankensicherung: Es neutralisiert diesen militärisch potenten Bündnispartner Chinas. Darüber hinaus leistet Südkorea seine strategischen Dienste, indem es sein Hoheitsgebiet für die Stationierung und Operationsfreiheit der amerikanischen Truppen, für atomar bestückbare B-52-Bomber und Atomraketen-U-Boote zur Verfügung stellt, die nicht nur Nordkorea, sondern eben auch China bedrohen. [25] Die südkoreanischen Marine- und Luftwaffeneinheiten, die im Kriegsfall alle unter US-Kommando stehen, verstärken die amerikanische Schlagkraft. Für die südkoreanische Nation heißt das: Anders als durch die volle Unterordnung ihrer Militärmacht unter die USA ist ihr Schutz und ihre Durchsetzung gegen den nordkoreanischen Feind und dessen chinesischen Bündnispartner nicht zu haben.

Die Philippinen: ein schwacher, verlässlicher Partner in bester Lage

Die USA richten ihren „unsinkbaren Flugzeugträger“, seit dem Ende des Ost-West-Konflikts als solcher wenig genutzt, neu für das Kriegsszenario gegen China her.

„Es ist schwer vorstellbar, einen Kampf mit der VR China zu führen, ohne Stützpunkte auf den Philippinen nutzen zu können.“ (Admiral a.D. Harry Harris, zitiert in: U.S. Defense Infrastructure in the Indo-Pacific, congress.gov, 6.6.23)

Die Philippinen drängen sich mit ihrer strategischen Lage in der ersten Inselkette für die Strategen und ihre Logistikplanung geradezu auf. Der Inselstaat ist nicht nur China vorgelagert, sondern unmittelbarer südlicher Inselnachbar von Taiwan, dem Anlass und Schauplatz des Krieges, von dem alle Planungen ausgehen. Als überaus verlässlicher Partner der USA bewährt sich Manila, das seit seiner Entlassung in die Unabhängigkeit aus amerikanischer Kolonialherrschaft zur Absicherung seiner Souveränität auf die ehemalige Kolonialmacht setzt. [26] Die Ausrichtung des Militärs hat auch nicht unter der Administration Duterte mit seinen Amerika-kritischen Tönen gelitten. Weisungen, Manöver mit Washington auszusetzen, haben sich die Militärs – ab einem gewissen Dienstgrad an Militärakademien in den USA ausgebildet und mit dem Selbstverständnis ausgestattet, dass ihr Land ohne die Schutzmacht sowieso nichts darstellt – widersetzt.

Die Philippinen haben den USA seit ihrer Entlassung in die Selbstständigkeit unabhängig von ihrer jeweiligen Führung Stützpunkte zugesichert, die diese für ihre wechselnden Interessen in Südostasien nutzten. Auf ihnen können die amerikanischen Streitkräfte Waffen und Personal nach eigenem Ermessen stationieren und uneingeschränkt mit Dritten agieren. Aktuell bauen die USA neun Stützpunkte aus und errichten vier neue im Norden gegenüber von Taiwan.

Die Funktionalisierung der Philippinen für den Aufmarsch gegen China beinhaltet eine Intensivierung der jährlichen Manöver mit neuer Stoßrichtung gegenüber der Volksrepublik, an denen deshalb jetzt auch die neuen Bündnispartner der Philippinen, nämlich Japan, Neuseeland, Südkorea und Australien, beteiligt sind. [27] Damit die Streitkräfte der Philippinen auch mit Gerät üben, das für die neuen Aufgaben taugt, leisten die USA Militärhilfe, liefern leistungsfähige Antischiffsraketen und rüsten die Marine des Inselstaates auf bzw. statten sie überhaupt erst mit neuen Kriegsschiffen aus.

Auf Anregung der USA machen die Philippinen neuerdings das Haager Seerechts-Urteil von 2016 geltend, das Chinas Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer zu ihren Gunsten zurückgewiesen hat. Für die verschärfte Konfrontation mit der chinesischen Marine gibt es die Rückendeckung der US Navy.

Australien: südlicher Eckpfeiler des Kriegsschauplatzes 

Aus der geographischen Größe, wirtschaftlichen Potenz und Lage Australiens an der Schnittstelle von Pazifik und Indischem Ozean machen die USA ein besonderes strategisches „asset“: Der fünfte Kontinent fungiert für sie als „southern cornerstone“ des Kriegsschauplatzes Westpazifik. Die erste und grundlegende Funktion erfüllt Australien, indem es sich als Stationierungsort für das amerikanische Militär zur Verfügung stellt. [28]

Für die Beherrschung des riesigen Raums, der in etwa durch das Dreieck Japan – Hawaii – Australien umrissen ist, hat Australien in puncto Kampfkraft, Logistik und als Stationierungsort für das US-Militär entscheidende Bedeutung. Da es vom chinesischen Festland gut 5 000 km entfernt ist und ein unmittelbarer Kampfeintritt nur mit weitreichenden Raketen – die Australien bislang nicht hat – möglich wäre, ist die australische Marine umso mehr gefragt: Sie ist zur Kontrolle und Absicherung im südchinesischen Meer, u.a. in der Straße von Malakka, als Unterstützung der US Navy eingeplant, zudem für die Kooperation mit den Philippinen und Japan bei der Kontrolle des Gebietes um Taiwan herum – zur Abschreckung einer chinesischen Invasion – und des dabei relevanten Zugangs zum offenen Pazifik. Gleiches gilt für den östlichen Indischen Ozean. Dort soll in Kooperation mit den USA und teilweise auch mit Indien das logistische und militärische Operieren Chinas an seiner Südflanke und entlang seiner vitalen Transportrouten – Ölversorgung aus dem Nahen Osten, Schiffsverbindung nach Afrika und Europa – überwacht, wenn nötig beschränkt und unterbunden werden. [29]

Eine besondere Funktion für die Anti-China-Strategie ist für Australien im Rahmen des AUKUS-Bündnisses projektiert: Es baut zusammen mit dem Vereinigten Königreich etliche nuklear angetriebene Angriffs-U-Boote – Fertigstellung 2040 – und bekommt von Amerika voraussichtlich 2030 vier atomgetriebene U-Boote der Virginia-Klasse. Diese sind mit ihrer Tauchfähigkeit und Bewaffnung – Torpedos und Marschflugkörper auch großer Reichweite – eine enorme strategische Potenz gegen China: Sie sollen zukünftig die mit Atomraketen bestückten chinesischen U-Boote, somit die Fähigkeit Chinas zum atomaren Zweitschlag ins Visier nehmen. Zusätzlich bedrohen sie die Flugzeugträger-Kampfgruppen der Volksbefreiungsarmee, die Hauptwaffe des chinesischen Anspruchs auf regionale Dominanz im chinesischen Meer und im Westpazifik. Das Bedrohungspotential deckt damit die beiden chinesischen Meere und die gesamte Küste ab und reicht weit ins chinesische Hinterland. Der Einsatz der australischen U-Boote ist eng an die amerikanische Marine gebunden, verstärkt also auch hier die Kampfkraft Amerikas. Auch in rüstungsindustrieller Hinsicht ist der AUKUS-Pakt ein Gewinn für Amerika: Es klagt seit Jahren, dass seine Werftkapazitäten zu klein sind und den eigenen Rüstungsbedarf bei Weitem nicht decken können; da ist der Aufbau zusätzlicher Werften in Australien und die Nutzung der britischen Werftkapazitäten sehr willkommen.

Seit einigen Jahren stationieren die USA wieder namhafte Marine- und Luftwaffenkontingente in Australien, zum Teil verlegen sie diese von Guam weg. Der fünfte Kontinent fungiert als Logistik- und Instandhaltungszentrum für amerikanische Schiffe, U-Boote und Kampfflugzeuge. Dank der geographischen Lage außerhalb der Reichweite der chinesischen Mittelstreckenraketen, Marschflugkörper und Langstreckenbomber sind sie im Kriegsfall weit weniger gefährdet. Das gilt auch für die jetzt in Australien stationierten atomar bestückbaren B-52-Fernbomber. Australien wird damit zur Basis für atomare Angriffe gegen China, aus diesem Grund auch unter den verstärkten Nuklearschirm der USA gestellt, also in die Atomkriegskalkulationen der USA gegen China hineingezogen.

Indien: ein enorm wichtiger, aber sperriger Partner 

Die geographische Lage mit Landgrenze zu China und Kontrolle des Indischen Ozeans, ein Volk von fast eineinhalb Milliarden – Reservoir einer boomenden Wirtschaft und riesigen Armee – und die militärischen Potenzen einer Atommacht machen Indien aus amerikanischer Sicht zu dem asiatischen „Gegengewicht“ zu China, durch das die Einkreisung des „Lands der Mitte“ erst perfekt ist. Dass sich Indiens Aufrüstung an dem chinesischen Rivalen misst, macht es extra attraktiv für die amerikanischen Strategen, die Indien in den Rang eines „major defense partner“ mit Zugang zu fortgeschrittener US-Militärtechnologie erheben. Dass es mit China zugleich eine wirtschaftliche und politische Kooperation pflegt, mit antiamerikanischer Ausrichtung wie im Club der BRICS-Staaten oder der Shanghai Cooperation Organisation (SCO), macht das Land zu einer Herausforderung für die USA, die bewältigt sein will.

Die Trump-Administration unternimmt beträchtliche Anstrengungen, die noch immer hauptsächlich mit russischer Hardware ausgerüsteten indischen Streitkräfte mit amerikanischen Waffen auszustatten, was eben nicht nur Geld, sondern auch politischen Einfluss einbringt, den in diesem Fall sicherlich höheren Ertrag der Rüstungs-„Deals“. Noch ertragreicher ist in dieser Hinsicht die technologische und industriepolitische Zusammenarbeit in Rüstungsfragen. [30] Die bindet den Partner, der auf seiner „strategischen Autonomie“ besteht, fester an die amerikanische Weltmacht, die denselben Zweck mit den gemeinsamen Manövern verfolgt, die sie bilateral oder im Rahmen des Quad-Bündnisses mit Australien und Japan veranstaltet. So kommt diese strategische Partnerschaft, wenn auch nicht ganz widerspruchslos, stetig voran. [31]

Manöver als Dauereinrichtung: notwendiges Element der aktiven Abschreckung 

Manöver sind in jeder Armee üblich, aus technischen Gründen, aus operativen Gründen, aus Gründen der Abschreckung. All das ist bei den Manövern im Indopazifik mit im Spiel, die es immer mehr, immer länger, mit immer mehr Nationen gibt. Die Herstellung von Funktionstüchtigkeit braucht eine dauernde Praxis. [32]

Hinzu kommt: Das System von bi- und trilateralen Sicherheits- und Beistandsvereinbarungen erfordert die militärische Abstimmung in permanenten Manövern mit den Bündnispartnern – nicht beschränkt auf, aber vor allem für Marine und Luftwaffe, mit und ohne die Führungsmacht. Nur dadurch wird eine für alle Kriegsschauplätze und alle Szenarios passende konzertierte Schlagkraft gewährleistet. In der nüchternen Sprache der Strategen nennt sich das „Interoperabilität“.

Die Interoperabilität, auf die es der Weltmacht ankommt, beschränkt sich nicht auf die bloße Fähigkeit zum Zusammenwirken der Armeen von Alliierten. Durch das Abgleichen und Zusammenführen unterschiedlicher Kommunikations- und Befehlsketten, Feuerleitlinien und Operationspläne, strategischer Einschätzungen und Lagebeurteilungen etc. wird aus den unterschiedlich funktionierenden, formell selbstständigen nationalen Streitkräften eine Einheit geschmiedet, die strategisch und operativ unter militärischer Führung der USA wie eine Erweiterung der amerikanischen Truppe funktioniert.

Diese Praxis schafft die „stärksten und tödlichsten Kampftruppen der Welt“, demonstriert den gemeinsamen Willen und die überwältigenden Fähigkeiten zum Siegen, ist also unverzichtbares Element der aktiven Abschreckung Chinas.

[1] An diesem Verhältnis hat sich nichts dadurch geändert, dass die neue Regierung Trump der von der Biden-Administration gepflegten Diplomatie eine Absage erteilt, wonach es den USA um die zu verteidigende „internationale Ordnung“ gehe.

[2] „Wir werden daran arbeiten, die chinesische Aggression abzuschrecken. Jeder Tag schafft mehr und mehr Dilemmata und Komplikationen, sollte China handeln wollen. Sollte es beschließen, den Status quo umzustoßen. Mehr Dilemmata, mehr Komplikationen, mehr Fragen, mehr Bedenken, mehr Unsicherheiten, mehr Gründe, um zu sagen: ‚Es lohnt sich nicht.‘“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

 Sollte der Feind trotzdem handeln, stehen die Streitkräfte Gewehr bei Fuß: Der Verteidigungsminister droht mit dem „Leitspruch der ersten Militäreinheit, die ich kommandierte: ‚Wer den Frieden will, muss den Krieg vorbereiten!‘“

[3] Die periodische Ermittlung und Einschätzung des Stands der chinesischen Atomrüstung wie der Doktrinen für ihren Einsatz ist Aufgabe der Experten im Pentagon. Im Jahr 2024 kommen sie zu folgenden Erkenntnissen:

 „In den nächsten zehn Jahren wird die VR China weiterhin ihre Nuklearstreitkräfte rasch modernisieren, diversifizieren und ausbauen. Die Volksbefreiungsarmee (PLA) strebt eine größere und vielfältigere Nuklearstreitmacht an, die aus Systemen besteht, die von Präzisionsraketen mit geringer Sprengkraft bis hin zu Interkontinentalraketen mit einer Sprengkraft von mehreren Megatonnen reichen, um Optionen auf jeder Stufe der Eskalationsleiter zu haben.

 Peking hat seine zügige nukleare Expansion fortgesetzt. Das US-Verteidigungsministerium geht davon aus, dass die VR China 2024 über mehr als 600 einsatzbereite Atomsprengköpfe in ihrem Arsenal verfügt. Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge wird die VR China bis 2030 über 1000 einsatzbereite Atomsprengköpfe haben, von denen ein Großteil mit höherer Einsatzbereitschaft stationiert wird; sie wird ihre Streitkräfte bis 2035 weiter ausbauen mit dem Ziel, die Modernisierung der PLA bis dahin ‚im Wesentlichen abzuschließen‘ – ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu Xis Ziel einer ‚Weltklasse‘-Armee bis 2049.

 Die VR China bestückt wahrscheinlich weiterhin ihre Feststoffraketen-Silofelder, die aus 320 Silos in drei neuen Anlagen bestehen, mit Feststoffraketen. Die PLA verdoppelt die Größe ihrer DF-5-Flüssigkeitsraketen-Streitkräfte, die bis zum Ende der Aufrüstung wahrscheinlich über etwa 50 Silos verfügen. Das starke Wachstum der Silo-Streitkräfte deutet darauf hin, dass Peking Fortschritte bei der Etablierung seiner ‚early warning counterstrike posture‘ (Frühwarn-Gegenangriffs-Dispositiv) macht, um die Überlebensfähigkeit und Reaktionsfähigkeit dieser Abschussbasen zu erhöhen.“ (Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China, a.a.O., S. 101 f.)

[4] Diese beiden Atommächte haben im Kalten Krieg eine Strategie entwickelt, die auf der einen Seite die Vernichtungskapazität des Gegners als Schranke für die freie Verwendung der eigenen einschlägigen Fähigkeiten anerkannt hat, auf der anderen Seite darauf abgezielt und mit immer neuen Erfindungen und Rüstungsarten daran gearbeitet hat, diese Schranke zu überwinden. Dieses absurd prekäre Verhältnis zwischen einseitigem Vernichtungswillen und wechselseitiger Anerkennung ist zum Gegenstand einer Rüstungsdiplomatie geworden, mit der beide Seiten sich ihrer fortdauernden Anerkennung versichert haben, eben weil sie an Mitteln zur Überwindung der Schranke gearbeitet haben, die die Waffen des Feindes ihrem Kriegskalkül gesetzt haben. Im Rahmen dieser Rüstungsdiplomatie ist eine ganze eigene Welt kalkulierter Vernichtungsdrohungen und entsprechender -arsenale geschaffen worden, die die „atomaren Supermächte“ – vor allem die eine stärkere – unbedingt exklusiv sich vorbehalten und unter ihrer Kontrolle halten wollen.

[5] „‚Der beantragte Rüstungshaushalt in Höhe von 961,6 Milliarden Dollar, der insgesamt über 1 Billion Dollar für die nationale Sicherheit umfasst, beendet vier Jahre chronischer Unterfinanzierung unseres Militärs... Dieser Haushalt sieht eine historisch beispiellose Finanzierung der militärischen Einsatzbereitschaft vor – wobei unsere Soldaten und ihre Bedürfnisse an erster Stelle stehen‘, sagte Hegseth. ‚Wir bauen unser Militär wieder auf; vor 25 Jahren war unser Militär unangefochten, doch wir haben diesen Vorteil verspielt, während China eine beispiellose militärische Aufrüstung betreiben konnte.‘“ (Hegseth in ebendieser Rede vor dem Kongress)

[6] Die Modernisierung der Triade schließt die Ausrüstung der Nuklearstreitkräfte mit einer neuen Atombombe ein, deren Entwicklung schon die Biden-Administration in Auftrag gegeben hat. Ihre Zerstörungskraft ist exakt programmierbar, um gehärtete Ziele wie Raketensilos oder verbunkerte Kommandozentralen ausschalten zu können:

 „Um ihrem Atomwaffenarsenal mehr Durchschlagskraft zu geben, hat die Regierung Biden angekündigt, dass die Vereinigten Staaten die Entwicklung einer neuen Variante einer nuklearen Gravitationsbombe namens B61-13 planen... Die Nuklear Posture Review hat im Wesentlichen auch das milliardenschwere Programm zur Aktualisierung aller derzeit verwendeten Haupttypen von Atomsprengköpfen und zur Modernisierung aller US-amerikanischen Trägersysteme für Atomwaffen befürwortet. Es ist daher nicht ganz überraschend, dass das Pentagon nun den Bau einer Atomwaffe mit höherer Sprengkraft angeht... Zur Veranschaulichung: Wie alle B61-Versionen ist auch die B61-7 ein sogenanntes ‚Dial-a-Yield‘-Modell, was bedeutet, dass sie so programmiert werden kann, dass sie mit unterschiedlicher Sprengkraft explodiert. Diese Version ist eines der leistungsstärksten B61-Modelle... Die B61-13 wird dem Präsidenten noch weitere Optionen gegen speziell härtere und großflächige militärische Ziele geben... Die Entscheidung, eine neue Bombe mit hoher Sprengkraft zu bauen, scheint direkt durch den Bau von Anlagen in China und Russland beeinflusst zu sein, die ihren Bestand an Atomwaffen aufstocken und durch den Bau von unterirdischen Kommando- und Kontrollanlagen härten.“ (US Plans ‚Highly Destructive‘ Nukes That Can Demolish Hardened Military Facilities, Eurasian Times, 28.10.23)

[7] „China verweigert sich hartnäckig Verhandlungen und argumentiert, dass aufgrund der großen Kluft zwischen den chinesischen und den US-amerikanischen Nuklearstreitkräften die für die Nukleardiplomatie erforderliche Transparenz China allzu verwundbar machen würde. Erst wenn Washington und Moskau ihre Atomwaffenarsenale verringern, so argumentieren chinesische Diplomaten regelmäßig, sei die Zeit für Gespräche gekommen.“ (Rose Gottemoeller, Arms Control Is Not Dead Yet, in: Foreign Affairs, 15.4.25)

[8] Seit dem Ukraine-Krieg befürchten die USA eine wachsende „strategische Partnerschaft“ zwischen China, Russland und auch Nordkorea:

 „Präsident Biden hatte die überarbeitete Strategie mit dem Titel ‚Nuclear Employment Guidance‘ (Leitlinien für den Einsatz von Atomwaffen) gebilligt, die auch darauf abzielt, die Vereinigten Staaten auf mögliche koordinierte nukleare Herausforderungen durch China, Russland und Nordkorea vorzubereiten... Die neue Strategie betont ‚die Notwendigkeit, Russland, die VR China und Nordkorea gleichzeitig abzuschrecken‘... In der Vergangenheit schien die Wahrscheinlichkeit gering, dass amerikanische Gegner ihre nuklearen Drohungen koordinieren könnten, um das amerikanische Atomwaffenarsenal auszumanövrieren. Aber die sich abzeichnende Partnerschaft zwischen Russland und China und die konventionellen Waffen, die Nordkorea Russland für den Krieg in der Ukraine liefert, haben das Denken Washingtons grundlegend verändert.“ (Biden Approved Secret Nuclear Strategy Refocusing on Chinese Threat, New York Times, 20.8.24)

 „Die Vereinigten Staaten könnten in naher Zukunft mit zwei Atommächten konfrontiert sein, Russland und China, die über eine ähnliche Anzahl von Atomsprengköpfen verfügen. Diese beiden engen Partner könnten gemeinsam einen Erstschlag androhen, auf den die USA nicht mit ausreichenden Waffen reagieren könnten. Ihre gemeinsame Überlegenheit würde die Fähigkeit der USA untergraben, sie abzuschrecken, was katastrophale Folgen für die regionale und globale Stabilität hätte.“ (Rose Gottemoeller, a.a.O.)

[9] Diese Qualität betrifft die Reichweite sowie die Ziele des Einsatzes von Waffen, die über das jeweilige Schlachtfeld hinaus gegen substanzielle militärische, ökonomische und Kommando-Mittel des feindlichen Staates gerichtet sind, die für dessen Kriegführungspotenz entscheidend sind.

[10] Die 1. Inselkette verläuft von Japan über Taiwan und die Philippinen Richtung Singapur und zur Nordspitze von Australien, die 2. Inselkette von der Nordspitze Japans östlich nach Süden über Guam und die kleinen Inselstaaten Palau, Mikronesien, Marshallinseln zur Ostküste Australiens, die 3. Inselkette von der Nordspitze Japans nach Hawaii und von dort zur Südostspitze von Australien.

[11] Chinesisches Aufrüstungsziel ist also die Ermöglichung und Sicherung des Zugangs der eigenen militärischen Kräfte zum Meeresgebiet und die Verweigerung desselben für das feindliche Militär.

[12] Auf eine schlichte Formel gebracht, heißt das, wer in der ersten Inselkette Taiwan besitzt, beherrscht den Kriegsschauplatz, und das sind eben die USA:

 „Das Schicksal Taiwans wird im Wesentlichen über die Zukunft der chinesischen Seemacht entscheiden. Es gibt keine Insel, die besser geeignet wäre, um den Großteil der chinesischen Marine- und Luftwaffenstützpunkte (ganz zu schweigen von den Marinewerften) zu schützen oder umgekehrt eine ständige Herausforderung für die Fähigkeit der chinesischen Marine darzustellen, in diesem lebenswichtigen Gebiet Streitkräfte einzusetzen und Macht zu projizieren.“ (Phillips P. O’Brien, Taiwan is „Strategic“ and its Fate will Determine the Future of the Asia-Pacific Region, phillipspobrien.substack.com, 30.1.25)

[13] Vgl.: Sarah Kirchberger, Chinas Fähigkeiten im Bereich der Unterwasser-Seekriegsführung: Technologische Aspekte, in: SIRIUS – Zeitschrift für strategische Analysen, Band 8, Heft 4 (November 2024)

[14] Siehe dazu: Bulletin of the Atomic Scientists: United States nuclear weapons 2025, thebulletin.org, 13.1.25

[15] Andere Quellen zählen an die 200 größere oder kleinere Stützpunkte, welche die USA selber besitzen oder zusammen mit ihren Bündnispartnern benützen. In Japan z.B. nutzen sie 107 Stützpunkte, von denen sie 53 in eigener Regie betreiben; 50 000 Soldaten sind dort stationiert, die Schiffsbesatzungen nicht mitgezählt.

[16] Auf ihre Rolle als Schutzmacht der Inselrepublik haben sich die USA nicht nur faktisch, sondern auch rechtlich (selbst)verpflichtet:

 „Die Sicherheit Taiwans und seiner Demokratie sind Schlüsselelemente für den anhaltenden Frieden und die Stabilität in der großen indopazifischen Region, was im politischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interesse der Vereinigten Staaten liegt.“ (Taiwan Assurance Act, 2019)

[17] „Das Pentagon-Dokument unterstreicht die amerikanische Unterstützung zur Abschreckung eines chinesischen Angriffs auf Taiwan, fordert aber auch, Taipeh unter Druck zu setzen, seine Verteidigungsausgaben ‚erheblich zu erhöhen‘. Trump und seine Verbündeten haben Taiwan dafür kritisiert, dass es zu wenig in seine eigene Verteidigung investiert, und drängen die selbstverwaltete demokratische Insel, bis zu 10 Prozent ihres BIP für die militärische Verteidigung auszugeben – ein Anteil, der weit über dem liegt, was die USA und ihre Verbündeten für Verteidigung ausgeben.“ (Secret Memo on China, The Washington Post, 29.3.25)

[18] Taiwans Streitkräfte haben 165 000 aktive Soldaten. Im Kriegsfall kann die Armee auf rund 1,6 Millionen Reservisten zugreifen; in Zukunft sollen es noch deutlich mehr sein.

[19] „Das Pentagon drängt Japan und Australien dazu, klarzustellen, welche Rolle sie spielen würden, wenn die USA und China wegen Taiwan in einen Krieg geraten würden, berichtete die Financial Times am Samstag. Elbridge Colby, der stellvertretende US-Verteidigungsminister, habe dieses Thema bei den jüngsten Gesprächen mit Verteidigungsbeamten beider Länder vorangetrieben, hieß es in dem Bericht.“ (Reuters, 12.7.25)

[20] Die dritte wichtige Wasserstraße aus dem Chinesischen Meer heraus führt in den Indischen Ozean. Die Straße von Malakka zwischen den beiden bislang neutralen Staaten Malaysia und Indonesien wird von Amerika mit seinem Stützpunkt in Singapur kontrolliert.

[21] Japan betreibt mit Südkorea zusammen ein die Region abdeckendes, mehrfach gestaffeltes Raketenabwehrsystem (see- und landgestütztes System Aegis, Terminal High Altitude Area Defense – Thaad), das eine besonders enge Kooperation beider Länder erfordert. Politische Streitigkeiten zwischen ihnen, die diese Zusammenarbeit beeinträchtigt hatten, veranlassten die amerikanische Regierung, Japan und Südkorea auf ein trilaterales Abkommen unter faktischer Führung der USA zu verpflichten.

[22] Zusammen mit den 160 japanischen, den rund 70 Kriegsschiffen Südkoreas, 60 von Australien und 110 Taiwans, davon jeweils in etwa die Hälfte Großkampfschiffe, übertrifft Amerika mit seinen etwa 200 im Indopazifik stationierten Kriegsschiffen die Marine Chinas mit rund 400 Schiffen auch zahlenmäßig.

[23] „Japan hat in den letzten Jahren seine Fähigkeiten zum Gegenangriff erheblich verbessert, einschließlich der geplanten Beschaffung der Tomahawk Land Attack Missile (TLAM) und der geplanten Entwicklung einer verbesserten Version der Type-12 Surface-to-Ship Missile (SSM) sowie der Entwicklung einer eigenständigen Fähigkeit zum Gegenangriff durch Hyper Velocity Gliding Projectile (HVGP).“ (Admiral Samuel J. Paparo, a.a.O.)

[24] „Die Vereinigten Staaten und Japan arbeiten gemeinsam daran, die Rollen, Aufgaben und Fähigkeiten der amerikanisch-japanischen Allianz zu modernisieren, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der koordinierten Führung und Kontrolle (C2) liegt... US INDOPACOM arbeitet eng mit dem japanischen Generalstab zusammen, der derzeit das neue japanische Joint Operations Command aufbaut, und implementiert die erste Phase des Upgrades der US-Streitkräfte in Japan zu Joint Force Headquarters.“ (Admiral Samuel J. Paparo, a.a.O.)

[25] Von großer Bedeutung für die Abschreckung Chinas ist auch das bilateral mit Japan betriebene Raketenabwehrsystem, das einen Teil des chinesischen (Atom-)Raketenarsenals entwertet, das gegen amerikanische Stützpunkte und natürlich auch gegen strategische Ziele in Japan und Südkorea gerichtet ist.

[26] Die philippinische Herrschaft braucht die Macht der USA nach innen zur Bekämpfung des kommunistischen und islamistischen Separatismus auf den südlichen Inseln, nach außen heute vor allem für die Auseinandersetzung mit China um Nutzungs- und Durchfahrtsrechte im Südchinesischen Meer. Die USA bieten materielle und finanzielle Unterstützung für einen Gewaltbedarf, für den die Ökonomie der Philippinen bei Weitem nicht die nötigen Mittel abwirft. Die Dienstbarkeit für die geostrategischen Interessen der USA hat daher noch jedem philippinischen Staatenlenker eingeleuchtet.

[27] Auf Betreiben der USA haben Japan und die Philippinen ein Abkommen geschlossen, das neben gemeinsamen Manövern auch wechselseitige militärische Unterstützung sowie Stationierung von Waffen und Waffenlieferungen vorsieht. Die Japaner versichern sich so des Zugangs zu einer vorgelagerten Bastion, Manila bekommt im Gegenzug modernes Militärgerät.

[28] Australien war in die pazifische Front des Kalten Kriegs eingebaut. Die sicherheitspolitische Kooperation mit den USA ist seit den 50er Jahren vertraglich vereinbart, in einem „Defence Treaty“ und dem „Five Eyes“-Vertrag. Gemäß letzterem betreibt Amerika in Australien eine der größten Abhörstationen der Welt zur Überwachung der gesamten zivilen und militärischen Weltraumkommunikation Chinas.

[29] Aus dieser Ansammlung von Aufgaben entsteht der zwingende Bedarf Australiens, seine Marine zu verdoppeln. Vom amerikanischen Standpunkt aus ist der Aufwuchs der australischen Marine besonders wichtig und dringend, weil die Kriegsflotte der Volksbefreiungsarmee die US Navy rein quantitativ überbietet. Was Washington daher gerade auch von Canberra fordert, drückt es in Dollars aus: Je nach Vehemenz der Ansage soll Australien seinen Rüstungshaushalt auf 5 bis 10 Prozent des BIP erhöhen.

[30] „Und wir arbeiten mit Indien zusammen, um gemeinsam Ausrüstung herzustellen, die zur Abschreckung von Aggressionen benötigt wird. Dazu gehört auch die Aushandlung eines Abkommens, um unsere industriellen Grundlagen noch enger zusammenzuführen. Im vergangenen Monat haben wir im Rahmen der US-India Autonomous Systems Industry Alliance unseren ersten Austausch zwischen Experten aus Industrie und Regierung der USA und Indiens abgehalten, um modernste autonome Systeme herzustellen und einzusetzen.“ (Shangri-La-Rede Hegseth, a.a.O.)

[31] „In den letzten zehn Jahren hat unsere Verteidigungspartnerschaft durch immer komplexere Militärübungen, Rüstungsverkäufe und strategische Dialoge einen transformativen Wandel erfahren. Die USA stärken ihre Verteidigungspartnerschaft mit Indien durch operative Koordination, Informationsaustausch, Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern sowie Zusammenarbeit in den Bereichen Verteidigungsindustrie und Technologie. Ein starkes und leistungsfähiges Indien – in einer dauerhaften Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten – kann dazu beitragen, Sicherheit zu gewährleisten und Konflikte im indopazifischen Raum zu verhindern.“ (Admiral Samuel J. Paparo, a.a.O.)

[32] Am bis dato größten Manöver „Talisman Sabre“ in Australien nehmen bis zu 40 000 Soldaten aus 19 Nationen teil. Über Zweck und Leistung schreibt das Pentagon:

 „Übungen wie Talisman Sabre ermöglichen es uns, kriegsentscheidende Fähigkeiten zu üben, an kritischen Orten zu operieren, unsere multinationale Entschlossenheit zu signalisieren und unseren gemeinsamen Willen zu stärken. Auf diese Weise schaffen wir Abschreckung und arbeiten auf unser oberstes Ziel hin: keinen Krieg.“ (Army Lt. Gen. Joel B. Vowell, U.S. Army Pacific, defense.gov)

 Das Manöver findet nicht nur zu Land, sondern auch auf See in der Umgebung von Taiwan statt:

 „In den Gewässern der nördlichen Philippinensee versammelt sich gerade eine der mächtigsten multinationalen Flotten der Gegenwart. Im Zentrum steht der britische Flugzeugträger HMS Prince of Wales, begleitet von Japans JS Kaga und der US-amerikanischen USS George Washington. Diese herausragende Formation wird vervollständigt durch das amphibische Angriffsschiff USS America sowie mehrere Begleitschiffe aus verschiedenen Ländern, darunter die USS Shoup, USS Robert Smalls, JS Teruzuki, die spanische Fregatte Méndez Núñez und andere Einheiten aus Norwegen, Australien und Großbritannien. Zusammen repräsentieren diese elf Kriegsschiffe eine geballte Schlagkraft mit großer operativer Reichweite über tausende Kilometer... Ein Marine-Analyst beschreibt die Anordnung als ‚die mächtigste Flugzeugträger-Flotte, die derzeit im Pazifik operiert‘. Die Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften zeige sich besonders auf dem Flugdeck der Prince of Wales, wo britische und US-amerikanische F-35B-Kampfflugzeuge gemeinsam operierten... Ziel und Umfang: Operation Highmast 2025 ist eine multinationale Militärübung im Indopazifik, angeführt von der britischen HMS Prince of Wales, die am 22. April 2025 begann und acht Monate andauert. Sie zielt auf die Stärkung von Partnerschaften, Einsatzbereitschaft und Abschreckung ab, mit über 35 000 Soldaten aus 19 Nationen, darunter USA, Japan, Australien und Norwegen. Die Übung beinhaltet komplexe Operationen wie Luft-, Anti-U-Boot- und humanitäre Einsätze. Geopolitische Bedeutung: Die Operation reagiert auf Chinas wachsende maritime Präsenz, insbesondere nahe den Senkaku-Inseln und Taiwan, und demonstriert die NATO- und Quad-Verbundenheit für einen ‚freien und offenen Indopazifik‘. Sie umfasst Hafenbesuche in über 40 Ländern und Übungen wie Talisman Sabre in Australien. Technologische Innovationen: Im Rahmen von AUKUS testet die Übung fortschrittliche Technologien wie KI-gestützte Systeme und unbemannte Unterwasserfahrzeuge, um die Integration und Interoperabilität zwischen den Partnernationen zu verbessern... Gleichzeitig treten die Vereinigten Staaten mit der Einführung der Hyperschallwaffe ‚Dark Eagle‘ in eine neue militärische Ära ein. Diese Waffe soll noch vor Ende September einsatzbereit sein. Getestet wurde sie während der Übung ‚Talisman Sabre 2025‘ in Australien, die Teil der Operation Highmast ist. Hyperschallraketen erreichen Geschwindigkeiten über Mach 5.“ (Fokus online, 18.8.25)

 Andere Großmanöver im Jahr 2025 sind: Exercise Sea Dragon, Balitakan, Iron Fist, Ulchi Freedom Shield, Elephant Walk.